Wie wichtig ist Weiterbildung – heute und in der Zukunft? Der SVEB hat für eine Bildungsbeilage relevante Fragen beantwortet und eingeordnet.
Interview: Océane Ilunga, Smart Media Agency
Antworten: Helen Buchs, Bernhard Grämiger, Reto Hunziker
Warum gewinnt die Weiterbildung heute zunehmend an Bedeutung?
Aufgrund des technischen und gesellschaftlichen Wandels ist Wissen immer schneller veraltet. Herausforderungen wie die neuen Kompetenzanforderungen unter anderem aufgrund der künstlichen Intelligenz, die zunehmende Komplexität, neue Arbeitsformen oder die sinkende politische Beteiligung der Bevölkerung erhöhen den Bedarf an Weiterbildung. Es besteht grosser Bedarf aufgrund geringer Grundkompetenzen: 1,67 Millionen Erwachsene in der Schweiz haben in einem der drei in den PIAAC-Erhebungen gemessenen Bereichen (Lesen, Alltagsmathematik und adaptives Problemlösen) nur sehr geringe Kompetenzen. Da die Anforderungen im Alltag und im Berufsleben aber laufend steigen, gibt es hier einen grossen Handlungsbedarf.
Welche Personengruppen nehmen in der Schweiz am häufigsten an Weiterbildungen teil?
Es sind insbesondere Personen mit bereits hoher formaler Bildung (siehe Erhebungen SAKE), auch, weil sie häufiger von den Arbeitgebenden gefördert werden. Weiterbildungsteilnahme nimmt auch mit dem Alter ab (Daten MZB). Generell gilt, dass Personen, die gut gebildet, erwerbstätig, jünger als 55 Jahre, in einem hohen Pensum oder einer höheren beruflichen Position tätig sind, oft Weiterbildung nutzen. Dagegen nehmen Personen, die wenig formale Bildung mitbringen, in kleinen Pensen (unter 50 Prozent) arbeiten, selbstständig, nicht erwerbstätig oder über 55 Jahre alt sind, eher selten an Weiterbildungen teil. Die Nicht-Teilnahme vieler Personen, die potentiell einen grossen Bedarf an Weiterbildung haben, gilt als problematisch. Es braucht innovative Angebote, die bei den Problemen dieser Personen ansetzen.
Was sind die Hauptmotive: Umschulung, berufliche Weiterentwicklung, Anpassung an den Arbeitsmarkt…?
Aus dem MZB 2021: Die am meisten genannten Gründe, um eine Weiterbildung zu besuchen sind: «bessere Arbeitsleistung» (56%), «persönliches Interesse am Thema» (39%) und «organisatorischer/technologischer Wandel, am Arbeitsplatz» (31%). Bei ausserberuflich orientierten Weiterbildungen ist es vor allem das persönliche Interesse am Thema (68%). Die Themenpalette der besuchten Weiterbildungen ist sehr breit. Am häufigsten werden Veranstaltungen in den Bereichen «Wirtschaft, Arbeit» (25%), «Wissenschaft, Technik» (17%), «Gesundheit» (14%) und «Informatik» (14%) besucht.
Welchen Rat würden Sie jemandem geben, der zögert, eine Weiterbildung anzugehen?
Weiterbildung ist nicht gleich Weiterbildung: Es gibt zahlreiche Wege, sich weiterzubilden. Viele denken zuerst an Kurse und CAS, aber es gibt auch niederschwelligere Angebote. Informieren Sie sich, vergleichen Sie die Angebote, vernetzten Sie sich und/oder nehmen Sie Beratungsangebote in Anspruch (z.B. Laufbahnberatung oder viamia.ch). Wichtig ist auch, die Qualität der Weiterbildungsangebote einschätzen zu können. Dabei kann unsere Checkliste helfen.
Welche Trends beobachten Sie derzeit im Bereich der Weiterbildung?
Der aktuelle SVEB Branchenmonitor zeigt auf, dass sich Angebot und Nachfrage nach Weiterbildung seit 2021 positiv entwickeln – es wird also mehr Weiterbildung angeboten und auch nachgefragt. Gleichzeitig ist der Wettbewerb in der Weiterbildungsbranche gestiegen, was mit einer hohen Dynamik in der Weiterbildung und damit laufenden Weiterentwicklungen verbunden ist.
Veränderungen finden auf verschiedenen Ebenen statt: Beispielsweise bei den Formaten der Angebote und den Inhalten bzw. Themen. Dabei lassen sich einige längerfristige Entwicklungen identifizieren.
Auf Ebene der Formate findet eine Individualisierung und Flexibilisierung der Angebote statt. Dabei gibt es eine Ausdifferenzierung der Angebotsformate nach Ort, Zeit, didaktischem Zugang, Ansprachsgruppe etc. Zudem werden vermehrt Hybrid-Formate angeboten, also Formate, die Online- und Präsenzaktivitäten nutzen und nicht rein auf die eine oder andere Variante setzen. Reiner Onlineunterricht setzt sich aber nicht durch. Auch kürzere Formate mit digitalen Zertifikaten unter dem Stichwort Micro-Credentials werden zunehmend diskutiert. Es geht dabei vor allem darum, wie kleine Lerneinheiten sichtbar gemacht werden können und wie der Zugang zu Weiterbildung durch kleinere, aufeinander aufbauende Lerneinheiten insbesondere auch für lernungewohnte Personen erhöht werden kann.
In Bezug auf die Inhalte und Themen beeinflusst die künstliche Intelligenz die Weiterbildung aktuell: Weiterbildungsanbieter setzen KI ein und suchen einen sinnvollen Umgang damit, ebenso die Teilnehmenden. Und schliesslich wollen auch KI-Skills vermittelt werden. Generell lässt sich sagen: Die Stakeholder haben viel Interesse am Thema KI, tun sich aber mit der Umsetzung noch schwer.
Ein weiterer Trend sind Future Skills: Arbeitgeber, Weiterbildungsorganisationen und Individuen überlegen sich vermehrt, welche Kompetenzen in Zukunft wichtig sein werden. Sie wollen den Anforderungen der Zukunft gerecht werden und handlungsfähig bleiben. Beispielsweise wollen Arbeitnehmende im Arbeitsmarkt die relevanten Skills mitbringen, um mit dem Wandel mithalten zu können und auch in Zukunft noch arbeitsmarktfähig zu sein. Aber auch die ausserberufliche Weiterbildung, die oft andere Themen behandelt, darf nicht vergessen gehen. Angebote im Bereich Sport, Kunst und Kreativität sind hier besonders bedeutsam.

