Von der mangelnden Motivation bis zur weiterbildungsfeindlichen Unternehmenskultur: Gemäss einer Studie der Bertelsmann Stiftung gibt es zahlreiche Hürden und Hindernisse, die zwischen Arbeitnehmenden und einer Weiterbildung stehen. Wobei schon eine davon für eine Nichtteilnahme ausreicht.
«Beschäftigte, die ihre beruflichen Kompetenzen erweitern wollen (bzw. erweitern müssen), sehen sich zahlreichen Hürden und Hindernissen gegenübergestellt. Es sind Barrieren, die eine berufliche Weiterbildung nicht nur erschweren, sondern in vielen Bereichen sogar verhindern.» Zu diesem Schluss kommt eine Ende November veröffentlichte Studie der Bertelsmann Stiftung, bei der online 2641 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte (25 bis 64 Jahre) befragt wurden.
Im Schnitt nennen Beschäftigte sechs bis acht strukturelle, betriebliche oder individuelle Barrieren, die zwischen ihnen und einer Weiterbildung stehen. Schon eine einzige Hürde reicht, damit sich Beschäftigte beruflich nicht weiterbilden. Deshalb hat dies nur jeder Zweite (50,7 Prozent) in den nächsten zwölf Monaten vor. Das wiederum bedeutet, dass sich Deutschland vom Ziel der Bundesregierung entfernt, bis 2030 eine Weiterbildungsquote von 65 Prozent zu erreichen.
Blockaden in mehreren Bereichen
Das Unterfangen Weiterbildung scheitert demnach an folgenden Punkten:
- Motivation und Anreize: Zu den stärksten Barrieren zählen fehlende externe Anreize. 28,7 Prozent der Beschäftigten erwarten kein höheres Gehalt; 25,8 Prozent sehen keine besseren Aufstiegschancen. Diese fehlenden Perspektiven bremsen diejenigen stärker aus, die sich ohnehin nicht weiterbilden wollen (Weiterbildungs-Passive). Zusätzlich sehen 18,5 Prozent der Befragten (und 23,8 Prozent der Weiterbildungs-Passiven) altersbedingt keinen grossen Nutzen mehr in der Weiterbildung.
- Information und Orientierung: Die Weiterbildungslandschaft gilt bei den Befragten als unübersichtlich, fragmentiert und intransparent. Das führt dazu, dass 61,2 Prozent der Beschäftigten glauben, unzureichend informiert zu sein. Mehr als ein Viertel (26,5 Prozent) weiss nicht, welche Angebote es überhaupt gibt. Besonders aktiv Qualifizierungswillige stossen dabei häufiger auf diese Informationsdefizite (78,4 Prozent) als Passive (43,5 Prozent).
- Umsetzung (Zeit und Geld): Wenn die ersten Hürden genommen sind, hindern oft hohe Kosten und fehlende Zeit die Umsetzung. 22 Prozent finden die Kosten zu hoch. Fast jeder Fünfte findet keine Zeit wegen privater (19,1 Prozent) oder beruflicher (18,3 Prozent) Pflichten. Weil Aktive diese knappen Ressourcen öfter beanspruchen, stellen diese Umsetzungshürden für sie eine höhere Barriere dar als für Passive.
- Unternehmenskultur: Über 60 Prozent der Beschäftigten kritisieren eine mangelnde Weiterbildungskultur im Betrieb. 20,7 Prozent erleben, dass Weiterbildung eher als Privatsache gilt und nicht als Teil der Arbeit. Zudem fehlt in 18,3 Prozent der Fälle eine systematische Weiterbildungsplanung.
Vom Matthäus-Prinzip zur «Weiterbildungsrepublik 2030»
Die Studie bestätigt das Matthäus-Prinzip: Wer schon gut gebildet und höher qualifiziert ist, bildet sich auch am häufigsten fort. Im Jahr 2022 qualifizierten sich 77 Prozent der Beschäftigten mit akademischem Abschluss weiter, aber nur 45 Prozent der Geringqualifizierten (ohne Berufsabschluss). Das deutsche Weiterbildungssystem verstärke damit bestehende Bildungsungleichheiten.
Um die Umsetzung zu erleichtern, fordern die Studienautoren die Einführung einer finanziell geförderten Bildungs(teil)zeit. Ausserdem soll der Bildungsurlaub aufgewertet werden durch einen bundesweit einheitlichen Berufsbildungsscheck. Dies würde vor allem Geringqualifizierten helfen, weil finanzielle Engpässe für sie eine grosse Barriere darstellen.
Um den Informationsdschungel aufzuhellen, müssten Beratungsangebote ausserdem besser vernetzt und lokal gebündelt werden, zum Beispiel in einer «Weiterbildungsagentur». Schliesslich sollen Unternehmen ihre Weiterbildungskultur verbessern. Sie müssen Altersstereotype abbauen und Weiterbildung als integralen Bestandteil der strategischen Personalplanung verankern.

