OECD: Mangelnde Grundkompetenzen sind ein globales Problem


Die OECD hat die «Survey of Adult Skills 2023» vorgestellt und stellt darin eine Zunahme von Menschen mit geringen Grundkompetenzen fest. Auch wenn dies zum Teil unterschiedliche Gründe hat.

Laut der Erhebung «Survey of Adult Skills 2023» verfügt fast jeder dritte Erwachsene in den OECD-Ländern über geringe Grundkompetenzen in den Bereichen Lesen, Schreiben und Rechnen. In 11 der 27 Länder, die sowohl am ersten als auch am zweiten Erhebungszyklus teilgenommen haben, ist der Anteil der Erwachsenen mit geringen Kompetenzen in den letzten zehn Jahren deutlich gestiegen. Nur zwei Länder verzeichneten einen Rückgang: Dänemark und Finnland.

Geringe Grundkompetenzen schränken die Beschäftigungsmöglichkeiten, das Einkommen, die Gesundheit und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ein, schreibt die OECD. Erwachsene mit geringen Grundkompetenzen sind mit rund einem Drittel geringerer Wahrscheinlichkeit auf dem Arbeitsmarkt aktiv als solche mit mittleren Kompetenzen. Bei den Erwerbstätigen liegt der Stundenlohn im Durchschnitt um etwa fünf Dollar niedriger, wobei die Unterschiede in Singapur und der Schweiz mehr als zehn Dollar betragen. Sie berichten von schlechterer Gesundheit, geringerer Lebenszufriedenheit und schwächerem Vertrauen in andere Menschen und Institutionen.

Keine homogene Gruppe

Zwei von drei Erwachsenen mit geringen Grundkompetenzen schneiden sowohl in der Lese- und Schreibkompetenz als auch in der Rechenkompetenz schlecht ab. Eine bedeutende Minderheit weist jedoch Defizite auf, die sich auf einen Bereich konzentrieren – was die Notwendigkeit differenzierter politischer Massnahmen unterstreicht. In Österreich, Tschechien, Estland, Lettland, Litauen und Singapur wird mehr als jeder vierte Erwachsene mit geringen Kompetenzen allein aufgrund seiner Lese- und Schreibkompetenz als solcher eingestuft. In diesen Kontexten spiegelt eine geringe Lese- und Schreibkompetenz möglicherweise keine allgemeine kognitive Benachteiligung wider, sondern wird vielmehr durch sprachliche Faktoren geprägt. In Kanada, England, Irland, Neuseeland, Schweden und den Vereinigten Staaten kehrt sich das Muster um: Defizite im Rechnen sind häufiger anzutreffen als Defizite im Lesen und Schreiben.

Die meisten Erwachsenen mit geringen Grundkompetenzen können einfache Sätze verstehen, doch es fehlt ihnen an Automatisierung. Das Lesen bleibt mühsam statt flüssig, was sich auf das Selbstvertrauen und den Umgang mit schriftlichem Material im Alltag und im Beruf auswirkt. Es lassen sich vier Lesertypen unterscheiden: fliessende Leser, mühsame Leser, oberflächliche Leser und Leser mit Schwierigkeiten. Diese Profile stehen im Zusammenhang mit der Erwerbsbeteiligung: Unter den im Inland geborenen Erwachsenen ist die Nichterwerbstätigkeit bei Lesern mit Schwierigkeiten um zehn Prozentpunkte höher als bei fliessenden Lesern. Migranten sind unter den Lesern mit Schwierigkeiten stark überrepräsentiert: Sie machen im Durchschnitt der OECD-Länder 38 Prozent der Leser mit Schwierigkeiten aus, in Norwegen und Schweden sind es sogar über 80 Prozent.

Disparität als Problem

Die entscheidende Herausforderung für Erwachsenenbildungssysteme ist der Matthäus-Effekt oder Disparität: Erwachsene mit den geringsten Kompetenzen nehmen am seltensten an Weiterbildungsmassnahmen teil. Sie werden durch eine Kombination aus mangelndem Bewusstsein für ihre eigenen Kompetenzlücken, schlechten Erfahrungen mit formaler Bildung in der Vergangenheit, finanziellem Druck und einer Beschäftigung in Berufen, die weder die Zeit noch die Ermutigung zur Kompetenzentwicklung bieten, zurückgehalten. Die Teilnahmequoten an der Erwachsenenbildung liegen bei Erwachsenen mit geringen Kompetenzen bei etwa der Hälfte derjenigen der übrigen Bevölkerung.

Ein passives Angebot an Erwachsenenbildung – das Bereitstellen und Bewerben von Kursen – versagt gemäss OECD bei dieser Gruppe. Aktive Ansprache durch vertrauenswürdige Vermittler sei der Ansatz, der funktioniert. Über Arbeitgeber, Gewerkschaften, gemeinnützige Organisationen, Gesundheitsdienstleister und Sozialdienste können schwer erreichbare Erwachsene identifiziert und eingebunden werden. Als «vielversprechender Weg der Skalierung» wird die Integration der Förderung grundlegender Kompetenzen in den Arbeitsalltag bezeichnet – kostenlos, verflochten mit berufsspezifischen Aufgaben und zumindest teilweise geschützt vor dem Druck entgangener Einkünfte.

Auch die Programmgestaltung spielt eine Rolle: Kontextspezifische, ausreichend intensive Angebote schneiden bei Erwachsenen mit geringen Qualifikationen durchweg besser ab als kurze, abstrakte Unterweisungen. Eine nachhaltige Beteiligung über einen längeren Zeitraum ist die Voraussetzung für jeden sinnvollen Fortschritt. Flexible, modulare Bildungswege und die Anerkennung bereits erworbener Kenntnisse können diese Investition mit den Anforderungen des Familien- und Berufslebens vereinbaren.

Eigene politische Logik

Die länderübergreifenden Erkenntnisse deuten auf vier unterschiedliche Länderprofile hin, die sich durch die Verbreitung, das Ausmass und die Art der geringen Grundkompetenzen unterscheiden und jeweils eine eigene politische Logik aufweisen. In Ländern wie Kanada, Tschechien, Kroatien, Estland, Ungarn, Irland, Italien, Japan, Korea, Litauen, Polen, Slowakei, Spanien, Schweden liegt die Gruppe der Erwachsenen mit geringen Grundkompetenzen knapp unter dem mittleren Kompetenzniveau und ist relativ homogen. Der zu überbrückende Abstand ist gering, und gezielte Weiterbildungsmassnahmen in Form von Kurzkursen sind ein praktikables primäres Instrument. In Ländern mit tiefgreifenden Defiziten ist die Bevölkerung im Durchschnitt weiter vom mittleren Kompetenzniveau entfernt und intern vielfältiger (Chile, Dänemark, Finnland, die Region Flandern (Belgien), Frankreich, Deutschland, Israel, die Niederlande, Portugal). Chile ist sowohl mit einer hohen Prävalenz als auch mit tiefgreifenden Defiziten konfrontiert; Finnland gehört paradoxerweise zur selben Gruppe, nicht weil das Problem weit verbreitet ist, sondern weil die kleine Bevölkerungsgruppe mit geringen Kompetenzen stark benachteiligt ist. In beiden Fällen müssen die Massnahmen intensiv und langfristig angelegt sein und untrennbar mit einer umfassenderen Agenda zur Bildungsgerechtigkeit verbunden sein.

In Österreich, Lettland, Norwegen, Singapur und der Schweiz stellt die OECD eine Alphabetisierungslücke fest – sie stehen vor einer Herausforderung, die zum grossen Teil in der sprachlichen Integration liegt, heisst es. Eine schnelle und nachhaltige Förderung des Spracherwerbs für neu angekommene Migranten und sprachliche Minderheiten sei die Investition mit der höchsten Rendite. Länder mit einer Rechenkompetenzlücke, darunter England, Neuseeland und die Vereinigten Staaten, stehen vor einer anderen Art von Herausforderung, die ihren Ursprung offenbar bereits im Vorfeld in der Qualität und Gerechtigkeit der mathematischen Pflichtschulbildung hat. Fördermassnahmen für Erwachsene können hier laut OECD nur am Rande Abhilfe schaffen, doch kein System der Erwachsenenbildung kann vollständig kompensieren, was die Grundschulbildung versäumt hat.

Unabhängig vom Länderprofil ist Prävention der Schlüssel, so die OECD. Eine hochwertige frühkindliche Bildung und Betreuung sei für die meisten Regierungen die Investition mit der höchsten langfristigen Rendite, insbesondere für Kinder aus benachteiligten Familien. Um die generationsübergreifende Weitergabe geringer Qualifikationen zu durchbrechen, müsse man sowohl die Erwachsenen von heute erreichen als auch sicherstellen, dass die nächste Generation mit der nötigen Vorbereitung für den Schulerfolg in die Schule kommt.

Drei Schlussfolgerungen

Aus diesen Erkenntnissen leiten die Autoren drei Schlussfolgerungen ab.

  • Die Herausforderung durch geringe Grundkompetenzen gross, nehme zu und habe weitreichende Folgen. Sie stelle ein strukturelles Merkmal moderner Volkswirtschaften dar.
  • Die Herausforderung unterscheiden sich grundlegend zwischen den einzelnen Ländern und Bevölkerungsgruppen. Ähnliche Prävalenzraten können völlig unterschiedliche Probleme verschleiern, und pauschale politische Massnahmen sind nicht geeignet, diese Probleme angemessen anzugehen.
  • Das Hauptversagen bestehender Systeme der Erwachsenenbildung liege in der Unfähigkeit, diejenigen zu erreichen, die am meisten davon profitieren würden. Um dieses Versagen zu beheben, seien aktive Aufsuchungsarbeit, auf diejenigen Bevölkerungsgruppen zugeschnittene Angebote – die das System nicht von sich aus erreichen würden – sowie eine Intensität erforderlich, die dem Ausmass des Defizits entspricht.

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