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Auf dem Weg in die digitale Selbständigkeit

  • 03.07.2019

An der Volkshochschule beider Basel finden regelmässig Computerkurse statt. Doch eigentlich geht es um digitale Grundkompetenzen. Sowohl deren Aneignung wie deren Vermittlung setzen Geduld und Hartnäckigkeit voraus.

von Ronald Schenkel

An einem Dienstagvormittag in Basel. Fünf Personen – vier Frauen, ein Mann – finden sich im Kursraum der Volkshochschule beider Basel (VHSBB) an der Rebgasse ein. Sie klappen ihre Laptops auf, platzieren Block und Stift daneben und warten. Sie warten bis Kursleiter Stephan Anastasia die erste Aufgabe stellt: Eine Word-Datei soll geöffnet werden, ein Brief entworfen, mit Umbrüchen, Textauszeichnungen experimentiert werden.

Klingt alles ganz einfach. Ist es aber nicht für die Kursteilnehmenden. Der Umgang mit einem Computer fühlt sich für sie an, wie Gehen auf fremden Beinen. Die Schritte passieren nicht einfach, sie sind ein Akt des Willens. Und die Angst, einen Fehler zu begehen, etwas «kaputt» zu machen, begleitet jeden Druck auf eine Taste.

Der eine Mann im Kurs, er ist 77 Jahre alt und hat als Architekt gearbeitet, erklärt es so: «Mir fehlt der intellektuelle Zugang zu Computer und zur ganzen Technik». Wie ist das möglich? Der Architekt mag in gewisser Weise ein Sonderfall sein; er hat stets nur mit Papier und Bleistift gearbeitet. Aber auch für die anderen im Kurs ist der Computer, oder etwas weiter gefasst, Informations- und Kommunikationstechnologie, kurz IKT, Neuland.

Das gilt selbst für eine relativ junge Teilnehmerin, die in der Kinderbetreuung arbeitet. Sie kennt sich aus mit dem Handy, damit sei sie aufgewachsen. Aber ein Wordprogramm ist für sie ebenso ein Buch mit sieben Siegeln wie für die ältere Frau, die im Verkauf gearbeitet hat und nie einen Computer aufstarten musste. Nun muss die Kinderbetreuerin Bewerbungen schreiben. Und sie will nicht immer jemanden um Hilfe bitten.

Selbstbestimmtes Leben

Das will auch die ältere Frau aus Tunesien nicht, die ohne Computer und auch ohne Handy aufgewachsen ist. Der Kurs, betont sie, soll ihr Selbständigkeit verschaffen. «Weil Computer heute einfach zum Leben gehören und ich eben noch da bin», sagt sie, und es klingt fast ein wenig trotzig.  Ja. Wer heute selbstbestimmt leben will, darf sich der Technologie nicht verschliessen.

«Wo sehen wir, wie das Dokument heisst?», fragt Anastasia in die Runde. Die Teilnehmenden suchen auf dem Bildschirm ihres Laptops nach Indizien. Die Frau, die Bewerbungen schreiben muss, gibt einen Hinweis. «Wie kann ich eine Datei umbenennen?», fragt Anastasia weiter. Der Architekt, der noch mit der Lösung der letzten Frage beschäftigt ist, wirft die Hände in die Luft. «Das hat doch alles keinen Sinn», sagt er. «Nicht aufgeben», ermuntern ihn die Frauen.

Das Kursangebot der VHSBB gibt es bereits seit geraumer Zeit und es steht allen Altersgruppen offen. Dass eher ältere Semester den Kurs besuchen, habe auch mit den anderen Angeboten der Volkshochschule zu tun, die stark von Menschen ab 50 nachgefragt würden, sagt Nicolas Füzesi, Leiter Illettrismus und Grundbildung. Füzesi würde gerne vermehrt jüngere Menschen in die Kurse bringen. Er ist überzeugt, dass ein Bedarf besteht, gerade wenn es um Bewerbungen geht. Die ebenfalls schon seit längerem geführten Lernzentren, die kostenlos und ohne Anmeldung aufgesucht werden können und in denen Grundkompetenzen trainiert werden, könnten als eine Art Touchpoint dienen.

Eigentlich sind es Digitalisierungskurse

Die Bedürfnisse der Kursteilnehmenden beschränken sich jedoch nicht nur auf den Umgang mit einem bestimmten Programm. Es geht darum, allgemein Sicherheit in der digitalisierten Welt zu erlangen. Die Angst etwa, im Internet etwas preiszugeben oder gar Geld zu verlieren, war ebenfalls Motivator für die Teilnahme vieler am Kurs.

Warum also wird ein Computerkurs und nicht etwa ein Digitalisierungskurs ausgeschrieben? «Weil die meisten den Begriff ‘Computer’ auf Anhieb verstehen und vieles in der Digitalisierung an dieses Endgerät gekoppelt ist», sagt Füzesi. In der Kursausschreibung werde aber klar, dass es um Digitalisierung geht und auch verschiedene Endgeräte behandelt würden.

Kursleiter Anastasia geht von Station zu Station. «Nein, rechte Maustaste, nicht linke», weist er den Weg zum Dropdown-Menü, und er hilft den Kursteilnehmenden, ihr Dokument im Wirrwarr der Ordner wiederzufinden. Es braucht Geduld im Umgang mit den Teilnehmenden. Anastasia hat sie. Nicht alle würden sie aufbringen. «Leuten, die nur einen IT-Hintergrund haben, fällt es manchmal schwer, die Probleme der Teilnehmenden zu verstehen», sagt er. Anastasia ist ein IT-Quereinsteiger. Und zu seinem beruflichen Fächer gehören auch analoge Jobs; er ist unter anderem als Sigrist in einer Kirche tätig.

In die IT ist er eingestiegen, weil er sich nicht den Maschinen aussetzen wollte, wie er erklärt. Die perfekte Voraussetzung für einen Kursleiter in diesem Format. Denn darum geht es letztlich: Um Selbstermächtigung, Emanzipation. Aber das ist eben nicht leicht.

«Vielleicht sollte ich mir doch ein Sekretariat leisten», sagt der Architekt am Ende des Kurses resigniert. Die Frauen sprechen ihm einmal mehr Mut zu. Auch er werde es schaffen, werde die Geheimnisse von Word knacken und die Potenziale des Digitalen für sich erschliessen. Es braucht eben Zeit und Geduld.

Informationen zum Kursangebot

Angebots- und Förderstrukturen im Bereich IKT Grundkompetenzen: Was sind die Herausforderungen im Hinblick auf die Umsetzung des WeBiG? 

"Computer gehören heute einfach zum Leben – und ich bin eben auch noch da», sagt eine Besucherin des Kurses (Bild: Pixabay).