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Bildung als unablässige Aufforderung, sich selbst zu optimieren

  • 23.11.2020

Beschleunigung und Selbstoptimierung prägen unser Leben. Der Autor weist auf die Folgen für Individuum und Gesellschaft hin und auch auf die Mitverantwortung der Weiterbildung.

Stefan Vater

Schneller, höher, weiter, effizienter, länger… Der moderne Alltag motiviert oder zwingt uns, die täglichen Herausforderungen anzunehmen – schneller zu arbeiten, mehr zu arbeiten, länger zu arbeiten, billiger zu arbeiten. Weil der Standort es fordert, weil die Wirtschaft mehr Profit braucht, weil die anderen bereit sind, so billig zu arbeiten. Und es ist nötig und verbreitet, sich dabei laufend Sorgen zu machen, ob die eigene Kompetenz noch adäquat sei. Und es wird gefordert, sich zu bilden, sich optimal an die Forderungen des Arbeitsmarktes anzupassen, damit es nicht zu einem Missmatch der Kompetenzen der oder des Einzelnen mit der Nachfrage am Arbeitsmarkt kommt.

Diskurse über Chancen, Herausforderungen, Lernaufgaben Potenziale und Kompetenzen, die es zu entwickeln gälte, fordern auf, konkurrenzfähig zu bleiben, immer zu lernen und nicht zurückzubleiben und das eigene Portfolio up to date, den eigenen Körper arbeitsfähig und fit und schlank zu erhalten, als wäre dies hinreichend für ein gutes Leben. Laufend werden Entscheidungen verlangt, alles muss gemanagt und abgemessen werden.

Nicht nur Firmen werden heutzutage gemanagt, auch Beziehungen, Kinderbetreuung, die eigenen Termine und der eigene Körper, die eigenen Fitness-Werte – unterstützt durch diverse Fitness-Apps, die den konkurrenzorientierten Vergleich fördern und für körperliche Transparenz sorgen. Prekarität, Unsicherheit, Ortlosigkeit, Quarantäne, Ausgangssperren und Ausbeutung werden in aktuellen Diskursen zur Herausforderung für die Eigenverantwortung und Disziplin, die Flexibilität und die professionellen Kompetenzen der Menschen. Die Gesellschaft und gemeinsame Verantwortung scheinen verschwunden. Jeder und jede ist für sich und das eigene Glück alleine verantwortlich!

You can do it! Du schaffst es!

Selbstoptimierung bedeutet, das Ich laufend zu vermessen, es zu adaptieren und es besser zu machen (vgl. Fenner 2020)! Es gibt nichts, was nicht zu schaffen wäre, wenn jeder oder jede sich nur richtig anstrengt, auf den eigenen Körper und seine Gesundheit achtet und die richtige Einstellung, Kompetenz und Disposition oder Willigkeit (Volatilität heisst der Fachausdruck) mitbringt. «Es liegt an uns!», werden viele nicht müde zu betonen. Aber wer definiert die Massstäbe? Und wer gehört zu diesem «Uns»? Das Leben und Lernen sind ein nicht enden wollender Wettlauf gegen alle anderen. Wenn etwas schiefläuft, ist immer die fehlende Initia­tive oder der fehlende Markt oder mangelnde Kompetenz und Einstellung schuld, nicht
die unterschiedlichen Voraussetzungen oder Ressourcen, die werden verdeckt. Und daran müssen wir autonom arbeiten, so der Tenor der Selbst­optimierung. Wir müssen es nicht nur können, sondern auch wollen! Und Lernen hilft bei diesen Aufgaben und diesen Anforderungen, ebenso wie es das richtige Konsumverhalten fördern und gegen Krankheit und Ungleichheit helfen soll.

Optimierung des eigenen Selbst – der eigenen Umgangsformen, der eigenen Kompetenz – wurde zur kulturellen Norm. Was dies bedeutet, veranschaulicht ein kleiner historischer Exkurs. Susanne Breuss (vgl. Breuss 2010) widmet sich im Ausstellungskatalog zur Ausstellung «Kampf um die Stadt» Körperbildern und Körperpolitiken um 1930 in Wien. Mitte der 1930er Jahre, so Breuss, wurden Normierung, Ästhetisierung, Optimierung in einer neuen Form kulturelle Norm. Diese Norm gilt zunehmend für alle Lebensbereiche, bis hin zur dauernden Selbstkontrolle der körperlichen Erscheinung und Gesundheit mit dem neuen handlichen und leistbaren Taschenspiegel. Der Körper wurde «machbar» mittels Bodymanagement, auch wenn der Begriff in den 30ern so nicht verwendet wurde. Und er wurde Ziel von Rationalisierungsstrategien, Effizienzanforderungen und der dauernden Forderung nach «Gepflegtheit des Auftritts». Ermöglicht wird dies durch gesellschaftlich-staatliche Gesundheits- und Körperpolitiken, aber auch durch Selbstoptimierung mittels «Technologien des Selbst, die es dem Einzelnen ermöglichen, aus eigener Kraft oder mithilfe anderer, eine Reihe von Operationen an seinem Körper oder seiner Seele, seinem Denken, seinem Verhalten und seiner Existenzweise vorzunehmen, mit dem Ziel, sich so zu verändern, dass er einen gewissen Zustand des Glücks, der Reinheit, der Weisheit, der Vollkommenheit oder der Unsterblichkeit erlangt.» (Foucault, Schriften 4, Frankfurt 2005, 968). Aber wenn Glück, Reinheit und Weisheit ganz ohne Bezug auf die Bedürfnisse der Menschen selbst definiert werden und völlig dem Markt, dem Profit oder nationalen Interessen untergeordnet werden, ist es eine sehr spezielle Optimierung.

Und ist das jetzt Empowerment?

Welche Bildung fordern die Bildungspolitik, der Markt und die täglichen Herausforderungen? Spielen die Bedürfnisse der Menschen gar keine Rolle? Was bleibt von solchen Bildungsaufforderungen letztendlich übrig: Die Idee, Defizite auszubessern? Sich ohne Ende optimal an die Zumutungen des Alltags anzupassen und resilient zu werden? Die Menschen zu fitten Arbeitskräften oder zu eigenverantwortlichen, unsolidarischen Konsumentinnen und Konsumenten zu machen und ihnen ihre Verantwortung und ihre Autonomie dabei klar zu machen?

Nun, Optimierung ist niemals nur schlecht, meinte auch Foucault, und auch nicht Techniken derselben. Die Frage ist, wie und von wem werden die gesetzten Ziele definiert, wem dienen sie und sind sie erreichbar? Optimierung, die letztendlich nur hektisches und oft erfolgloses Trainieren oder Lernen bedeutet, garantiert weder ein gutes Leben noch Erfolg und Bildung. Die Vorstellung eines unzureichenden Menschen als Antrieb für Bildung ist weder emanzipatorisch noch qualifizierend. Und wo ist das Versprechen der Bildung zu ermächtigen oder der Anspruch bürgerlicher Rechte zu verwirklichen geblieben? Immer unzureichend zu bleiben, sich laufend adaptieren zu müssen, macht den Menschen zu einer Art Bildungssisyphos, der den Stein der Bildung lebenslang rollt.

Und wer es nicht schafft?

Die Zahl derer, die in unseren Gesellschaften zurückbleiben oder aussen vor gelassen werden, steigt. Die Zahl derer, die Angst haben zurückzubleiben, ebenso. Gerade das zieht sie, ob Migrant oder Angestellte mit Abstiegsangst, in eine endlose Spirale der Optimierung bis zum Zusammenbruch, dem Rauswurf oder der Abschiebung. Die Schuld wird dabei den Betroffenen selbst zugeschoben. «(…), wer heute krank wird, dem wird unterstellt, er habe sich nicht konsequent an die Regeln gesunden Lebens gehalten; wer arbeitslos ist, von dem nimmt man an, er habe es versäumt, sich richtig auf das Vorstellungsgespräch vorzubereiten, habe sich nicht ausreichend um Arbeit bemüht oder sei einfach arbeitsscheu: wer Zweifel an der eigenen beruflichen Karriere hat oder Zukunftsängste äussert, von dem sagt man, es mangle ihm an sozialer Kompetenz, er könne weder Freunde gewinnen noch andere beeinflussen, sei eine Niete im Hinblick auf die Kunst des Selbstmanagements» (Zygmut Baumann 2003, S. 45f.)

Regierung der Subjekte und Technologien des Selbst

Mit dem Liberalismus und spezifischer mit dem Neoliberalismus, dessen partielle Hegemonie­gewinnung unscharf Ende der 1970er angesetzt werden kann, entstanden neue Formen der Regierung oder Gouvernementalität, die besonders auf die Kontrolle und Selbstführung der Individuen setzen und zu einer zunehmenden Vereinnahmung der Individuen führen. «(…) Unter Regierung verstehe ich die Gesamtheit der Institutionen und Praktiken, mittels derer man die Menschen lenkt, von der Verwaltung bis zur Erziehung.» (Foucault 1996, S. 118–119)

Foucault legte in seinem späteren Werk einen Schwerpunkt auf die Analyse des Neoliberalismus, mit seinen kontrollierenden Machttechniken (vgl. Lemke, Krasmann & Bröckling 2000, S. 15–16, vgl. Bröckling 2017) und seiner spezifischen Konstruktion und Formung von Freiheit und freiem Subjekt. Der Neoliberalismus – als eine spezifische liberale Erscheinungsform – trachtet eine Welt zu konstituieren, die keine Alternative und keine Zukunft kennt und die die neoliberale mikropolitische Rationalität, besonders den Markt als Regelungsinstanz der Freiheit, (Vater 2017) verabsolutiert und als Natur darstellt. Ein Spezifikum des Neoliberalismus ist der Markt als dauernde Nötigungssituation, die fordert und Dinge erzwingt wie eine Naturgewalt. Das Dispositiv
des Neoliberalismus, mit Leitbegriffen wie Markt, Konkurrenz, Sparen, Fitness, Employ­ablitiy, Effizienz, Flexibilität und Outsourcing, treibt die individualisierten Subjekte als Ressource und Humankapital zu permanenter Verfügbarhaltung, Aktualisierung und Optimierung ohne Chance auf dauerhaften Erfolg und nennt das Freiheit, Bildung und Flexibilität (Vater 2017; Vater 2018).

Mit Aufrufen wie «Sei du!» wird eine spezifische neoliberale Subjektivität und Körperlichkeit zum Muss! Gesundheit, Leistungsfähigkeit, Selbstvermarktung werden zur eigenverantworteten Pflicht und zum Leistungskriterium. Zudem rückt «ein kollektiver Lernprozess (…) ins Herz der Produktivität, da es nicht länger darum geht, bereits kodifizierte professionelle Kompetenzen in unterschiedlicher Weise zusammenzusetzen oder zu organisieren, sondern es nach neuen zu suchen gilt» (Lazzarato 1998a, S. 42). Charakteristisch dafür ist der Slogan «Sei du!», der allerdings nicht die offene unbestimmte Suche nach der eigenen Subjektivität eines emanzipatorischen Bildungsvorhabens meint, sondern die autonome Erfüllung variabler gesellschaftlicher, wirtschaftlicher Anforderungen in einer permanenten Adaption. Im Kern dieser speziellen Anrufungen findet sich auch die Anforderung, lebenslang unter Konkurrenzbedingungen zu lernen und sich zu verändern. Gefragt ist, die eigene Subjektivität autonom und herrschaftskonform laufend zu adaptieren (Klingovsky 2019, S.17).

I would prefer not to!

Gibt es einen Ausweg aus der Spirale der Optimierung? Einen Ausweg, der vielleicht so simpel ist wie die Erkenntnis des Schreibers in Hermann Melvilles Buch von 1853: Er möchte das lieber nicht. Vielleicht ist es doch Bildung selber, die dies ermöglicht: Eine entschleunigende Bildung, die auf Musse und Reflexion setzt (vgl. Ribolits 2009) und erkennen lässt, dass es ein Ende geben muss für das Immer-Schneller, Immer-Mehr. Diesen Ausweg gilt es zu suchen.

STEFAN VATER ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen und lehrt an verschiedenen Universitäten im Bereich Genderstudies und Bildungssoziologie unter anderem von 2013 bis 2016 an der Universität Fribourg und 2019 an der Universität Basel.

Die Weiterbildung ist auch ein Teil des Systems der dauernden Selbstoptimierung. (Illustration Christina Baeriswyl)