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Der Kulturbruttokoeffizient

  • 08.10.2019

Der Autor sieht die traditionelle Rolle der Volkshochschulen pervertiert zu «Reparaturwerkstätten der Politik». Er schlägt eine Rückkehr zum ursprünglichen Konzept der kulturellen Bildung vor. Der Beitrag ist zuerst in den «Hessischen Volksblättern für Weiterbildung» erschienen.

Pius Knüsel, EP 3/2019

Dieser Essay beginnt mit einer Schwierigkeit: Der Auftragstitel «Kulturelle Bildung als Herausforderung weltoffener Bürgergesellschaft. Welche Aufgaben kommen den Volkshochschulen mit Blick auf Kunst und Kultur heute zu?» verschwimmt, wenn ich zum Schreiben ansetze. «Bürgergesellschaft»? Pure Zweideutigkeit. Meint dieser Begriff jene, die im Besitze der Bürgerrechte sind, oder nur jene, die sich aktiv an den politischen Prozessen beteiligen, oder meint er alle Bewohner des Landes? Wenn letzteres, wieso nicht einfach Gesellschaft? Wenn aber ersteres: Warum die Einschränkung, der Ausschluss von – in der Schweiz – 20 % der hier lebenden Menschen, die über keinen Schweizer Pass verfügen, von all jenen ohne Aufenthaltsbewilligung zu schweigen? «Weltoffen» – nun ja, wer möchte schon verklemmter Eigenbrötler genannt werden? Wer interessiert sich nicht für die Welt ausser ein paar geistigen Einsiedlern? Selbst die Bergbewohner, landläufig Inbegriff der Abschottung, wissen dank Medienvielfalt mehr von Syrien, Eritrea und Ly­bien, als wir wissbegierigen Studenten vor 40 Jahren. Oder steht «weltoffen» für eine verordnete Willkommenskultur? Ein guter Bekannter, Bergbauer, hat jetzt einen Flüchtling als Lehrling, Rashid. Aber wenn ich von ihm verlangen würde, dass er alle willkommen hiesse, die ins Land drängen, ich fürchte, er wäre entschieden dagegen. Seine Lebensart ist ihm wichtig, sie ist seine Haut. Er hat, auf seine Weise, Recht. Da muss ihm keine Volkshochschule kommen. Schliesslich «Herausforderung» – ein gutes Stück Dramatisierung macht sich immer gut, wenn es um legitimatorisches Reden geht. Herausforderung lässt allerdings den alten Kulturpessimismus anklingen, als würde sich der Normalbürger der Bildung, vor allem aber der Kultur grundsätzlich entziehen wollen. Quasi naturgesetzmässig.

Der Staat hat die kulturelle Daseinsvorsorge offensichtlich ins Pflichtprogramm übernommen; er beugt sich heute über seine Bürgerinnen und Bürger und schubst sie mithilfe der Volkshochschulen ins Glück. Das ist, was die Volkshochschulen betrifft, nichts Neues. Der Grundsatz galt bereits zur Gründerzeit der Volkshochschulen. Bis auf einen kleinen Unterschied: Von Nudging war damals noch keine Rede, viel mehr von Chancen für die sozial und ökonomisch schwächeren Schichten in der sich neu formierenden Klassengesellschaft. Und sie nutzten sie!

Der Wechsel des Vorzeichens von Chance zu Mangel markiert den eigentlichen Wandel der Volkshochschulen über 100 Jahre hinweg: Heute ist die Forderung nach ergänzender, integrativer und lebenslanger Bildung und ständiger beruflicher Nachqualifizierung eine Forderung von Wirtschaft und Politik mit Blick auf unausgeschöpfte wirtschaftliche Potenziale des Individuums. Damals war die Forderung nach Erwachsenenbildung eine Forderung der Benachteiligten selbst.

Der Erste Weltkrieg hatte Deutschland ein Trauma beschert, die Wirtschaftskrise wuchs sich zur grossen Depression aus und ruinierte die privaten Träger – Vereine und Stiftungen – der Kultur durch die Entwertung der Vermögen. Schliesslich sah sich die junge Weimarer Republik mit dem Triumph der Avantgarde in den schönen Künsten, der Neubelebung des Handwerks und der Fusion von Ästhetik und industrieller Produktion, für welche das Bauhaus die entscheidende Chiffre darstellte, sowie einer neuen Konsumgüterwelt konfrontiert.

In diesem Moment des Umbruchs schien Erwachsenenbildung als Schlüssel zur Lösung vieler Probleme. Der neue Staat definierte sich als Kulturstaat, der Arbeitstag wurde auf acht Stunden begrenzt, Freizeit erschien erstmals als soziokulturelles Phänomen, die Arbeiterbewegung forderte eine neue Kulturpolitik, welche sich für die Arbeiterklasse öffnete und ihr Bildungschancen, sozialen Aufstieg und demokratische Beteiligung ermöglichte. Das führte zur grossen Gründungswelle der Volkshochschulen – in Deutschland waren es 13 VHS im Jahre 1918, 135 im Jahr 1919 und 26 im Jahre 1920.

Obwohl in den Krieg nicht involviert, verlief die Entwicklung in der Schweiz analog. Die rapide Industrialisierung Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte ein riesiges, armes Industrieproletariat erschaffen, welches jetzt seine Rechte und die Beteiligung am kulturellen wie materiellen Wohlstand einforderte. Die Spannungen entluden sich im Generalstreik von 1918, der mit dem Einsatz der Armee und einer Reihe von Toten endete.

1919 wurden die Volkshochschule von Luzern, Bern und Basel, 1920 jene von Zürich gegründet, und zwar, wie in Deutschland, in einem politischen Joint Venture von Sozialdemokratie und liberalem Kapitalismus. Praktisch popularisierten sie universitäre Bildung. Zugrunde lag wie in Deutschland, an dem man sich stark orientierte, der Gedanke, die Kultur der Arbeiterklasse zu verfeinern. In diesem Kontext spielten nebst den VHS das bürgerliche Theater in seiner schillerschen Konzeption wie auch das Kulturkino und die Volksbibliotheken eine wichtige Rolle. Neben den staatlich geförderten Einrichtungen übernahmen Arbeiterbildungs-, Frauenvereine und kirchliche Bildungsorganisationen vermittelnde Aufgaben.

In Deutschland führte der kulturelle Bildungswille dazu, dass auf Anregung des Deutschen Städtetages 1922 erstmals in den Haushaltsplänen aller grossen Städte eine Position «Wissenschaft und Kultur» auftauchte. Erwachsenenbildung war von Anfang an als kulturelle Bildung gedacht, wobei Kultur als Kombination eines bürgerlich-humanistischen Kanons mit Wissenschaft gedacht war. In Deutschland wie in der Schweiz stand die Idee der Gemeinschaftsbildung im Zentrum. Die Beschäftigung mit Wissenschaft und hochkulturellen Inhalten sollte die bildungsfernen Individuen urteilsfähiger und damit zu vernünftigeren und aktiveren Bürgern machen, die sich nicht von jedem Utopisten verführen liessen. Das Angebot wurde genutzt, von den bürgerlichen Kreisen auf jeden Fall. Das Interesse der Arbeiterklasse jedoch liess nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich nach; Wohlstand war jetzt ein eigenes, von Bildung losgelöstes Programm.

Sonderfall Schweiz

Mit der Gründung der «Clubschulen» im Jahre 1944, nur wenige Monate nach der Gründung des Verbandes der Schweizerischen Volkshochschulen, erwuchs den Volkshochschulen in der Schweiz früh eine starke Konkurrenz. Vom genossenschaftlichen und preisbrecherischen Detailhändler Migros, der sich als Vorkämpfer der Arbeiterklasse sah, gestützt, richteten sich die Klubschulen vor allem an die unteren Gesellschaftsschichten. Ihr Angebot war stark auf Praxiswissen ausgerichtet, wozu auch die Sprachen gehörten. Heute sind die Klubschulen der grösste Anbieter von Erwachsenenbildung in der Schweiz, etwa dreimal so gross wie alle Volkshochschulen zusammen.

Mit dem Auftritt der Klubschulen nahm die Geschichte der schweizerischen Volkshochschulen, die nie so stark ins staatliche Bildungssystem integriert waren wie jene in Deutschland – die lokalen Träger blieben hierzulande immer eigenständig, wenn auch subventioniert –, ihren eigenen Lauf. Es setzte ihre Re-Verbürgerlichung ein: Sie zogen sich in die kulturelle Bildung im ursprünglichen Sinne zurück, so sehr, dass noch in den 1950er Jahren bezweifelt wurde, ob Sprachkurse, die doch einem utilitaristischen Bildungsverständnis entsprächen, überhaupt an eine Volkshochschule gehörten.

Doch ein Zurück gab es nicht; die Entwicklung trieb die VHS vor sich her. Das Radio und ab Mitte der 1960er Jahre das Fernsehen machten ihrerseits volkserzieherische und -bildende Ansprüche geltend. Wir alle erinnern uns an Sprachkurse vor der Röhre, Fitnesskurse und vor allem an die vielen Dokumentationen, die den typischen Vortrag der VHS alt aussehen liessen. Vor allem belegten sie einen wachsenden Anteil des Aufmerksamkeitskapitals der potenziellen Kunden der VHS. Das nächste Ungemach nahte mit dem Durchbruch der Popkultur in den späten sechziger Jahren. Sie galt in der bürgerlichen Konzeption von Kulturpolitik als zweitklassig und schaffte es nicht in den Kanon der VHS. Schlimmer noch: Sie war eine Kultur des Selbermachens, der tiefen Eintrittsschwelle, die keiner Lehre und keiner Vermittlung bedurfte. Die Schweizer Volkshochschulen reagierten mit einem Schwenk in Richtung berufsbegleitende Ausbildungen. Zusammen mit Deutschland und Österreich wurden Zertifikatssysteme entwickelt. Ausser in den Sprachen überlebten sie nicht lange, zu stark war die Konkurrenz der Wirtschaft selbst, aber auch jene des Staates, der sein Bildungssystem ständig ausbaute. Der Kanton Zürich zum Beispiel baute seine eigene Schule für Erwachsenenbildung auf, in gewollter Konkurrenz zur Volkshochschule, deren bürgerlicher Touch in der Epoche wachsender Ökonomisierung des sozialen Raums nicht mehr gefiel.

Der nächste Schock hiess Computerisierung. Auch hier reagierten die Schweizer Volkshochschulen mit einer Vorwärtsstrategie. Bereits 1984 fanden die ersten Computerkurse statt; in den 1990er Jahren führten sie zu einem starken Wachstum der VHS. Die digitale Alphabetisierung wurde vom Bundesamt für Bildung und Wissenschaft intensiv gefördert, der Verband der Volkshochschulen mit Subventionen reichlich genährt. Es waren die Boomjahre.

Bildung als Zurichtung

Konnte man die Sprachen noch unters Dach der kulturellen Bildung stellen, so machten die Schweizer VHS mit dem wachsenden Angebot an Informatikkursen nun den ersten grossen Schritt weg von der angestammten Domäne der kulturellen Bildung. Sie definierten sich als Instrument einer staatlichen Bildungsvision, die ökonomisch oder funktional definierte Kompetenzen auch an jene vermitteln wollte, die ihre formale Bildung längst abgeschlossen hatten. Wieder mit Erfolg. Die VHS Zürich z.B. erlebte in den 1990er Jahren ihren Boom. Sie wuchs zur doppelten Grösse der heutigen, zum grossen Teil dank Informatikkursen, zum kleineren durch die Nachfrage nach Sprachkursen in einer globalisierten Welt.

Dieser Wandel im Selbstverständnis ging tief. Die Volkshochschulen orientierten sich nun nicht mehr am Ideal einer kulturellen Gemeinschaft kluger und urteilsfähiger Bürgerinnen und Bürger, sondern an jenem einer ökonomisch möglichst produktiven Gesellschaft. Die technische Funktionsfähigkeit des Individuums, nicht mehr seine kulturelle, steht seither im Fokus. Dieser Wandel entspricht dem politischen Wandel weg von einer über eine umrissene Identität (Bürgerlichkeit, Bildung, Moral) definierten Gesellschaft hin zu einer funktional determinierten: Jede und jeder ist zur produktiven Selbstoptimierung angehalten. Der Rest ist die freie Wahl der Postmoderne.

Nun, da alle wissen, wie man den Computer ein- (aber kaum, wie man ihn aus-)schaltet, sucht das funktionale Paradigma neue Betätigungsfelder. Es findet sie in Deutschland im Deutsch als Zweitsprache, in der Integration von Flüchtlingen, in Österreich im Nachhilfeunterricht für Volksschüler, in der Schweiz in der Förderung von Grundkompetenzen. Und überall in der Vermittlung von digitalen Kompetenzen. Damit werden die VHS noch stärker zu Instrumenten der akuten Problemlösung.

Das kann durchaus einträglich sein, solange der Staat mit Geld und Aufträgen dahintersteht wie in Deutschland und Österreich oder bei einzelnen grösseren VHS in der Schweiz. Aber es beraubt die Volkshochschulen ihrer Seele. Sie sind Reparaturwerkstätten der Politik. Sie setzen zwar das Individuum instand, aber nicht im Blick auf seine Freiheit, sondern im Blick auf seine Tauglichkeit. Nicht Befreiung, sondern Eingliederung steht im Mittelpunkt, und das in wechselnden Ausprägungen, auf die sich die VHS etwa alle zehn Jahre neu ausrichten müssen. Ausprägungen, an deren Horizont immer das Bruttoinlandprodukt als Index umzuverteilenden Wohlstands steht. Roberto Simanowski, Medientheoretiker und Kritiker der Digitalisierungseuphorie, die den Bildungssektor beherrscht, spricht von «Zurichtung». 

Immer wieder: Mündigkeit

Was ist nun mit der kulturellen Bildung? Und was ist mit der Kunst? Ich kann es am Beispiel der eigenen Volkshochschule erläutern. Eigentlich steht eine VHS wie Zürich nach dem Ausflug in die Informatik einerseits und dem Verlust der staatlichen Unterstützung andererseits vor dem Abgrund. Die beiden Vorgänge hängen übrigens insofern zusammen, als das Ende des Informatikbooms die VHS in die Nützlichkeitsfalle trieb – wozu sollte sie aus Sicht der Politik noch dienen? Doch der Abgrund will und will nicht erscheinen. Die Befreiung von Aufträgen und Erwartungen hat «meine» VHS zurückgeführt zum ursprünglichen Konzept kultureller Bildung. Zu einem Konzept, in dessen Mitte der Kulturbruttokoeffizient steht. Der KBK ist keine von aussen formulierte Herausforderung, sondern eine Chance: Kultur in all ihren Formen zu vermitteln – nur in einer nicht: als Ideologie. Es ist jene Bildung, die als «Erziehung zur Mündigkeit» – den Begriff haben von Kant über Adorno bis Arendt viele benutzt – die Aufklärung in die Zukunft treibt. Dabei fragen wir nicht nach Wirkungsgraden; unser Einsatz ist immer brutto. Es geht um Aufklärung um ihrer selbst willen als Bedingung der Freiheit.

Es gibt Menschen, denen solche kulturelle Bildung angesichts des steigenden medialen Lärmpegels viel bedeutet. Sie werden sogar immer zahlreicher, je deutlicher sich zeigt, dass wir in einer algorithmischen Gesellschaft leben mit einer simplen Wenn-Dann-Logik. Diese Bürgerinnen und Bürger sind bereit, Zeit und Geld für die denkende Einübung der Freiheit aufzubringen. Dabei sehen sie Kultur durchaus in jenem Sinne, wie sie in den Anfängen der VHS gesehen wurde: bürgerlich, als Fundament der abendländischen Gesellschaft. Dazu gehören natürlich in erster Linie die Künste und die Wissenschaften als symbolische Welten, die nie ausgedeutet sind, in denen sich aber Wesentliches unseres Selbstverständnisses transportiert.

Sie lernen aus intrinsischer Motivation, weil Lernen kritische Offenheit ermöglicht. Diese Menschen bilden die mode- und polittrendresistente Basis einer VHS wie Zürich. Sie fragen nicht nach dem Nutzen unserer Angebote, sondern deren sichtbare Nutzlosigkeit ist, was sie anzieht. Darin steckt, meine ich, der Kern moderner Individualität: Ich denke, ich bin. Und nicht: Ich arbeite, ich bin. Oder: Ich programmiere, ich bin.

Immer wenn ich mit ländlichen Volkshochschulen diskutiere, die auf der Suche nach ihrer Zukunft sind, kommen wir zum selben Schluss. Nur kulturelle Bildung kann der Antrieb der VHS sein. Für alles andere gibt es staatliche und – zumindest in der Schweiz – private Anbieter zuhauf. Nur kulturelle Bildung als selbsterfüllendes Angebot, nicht als Rettungsmission gedacht, ist das wirklich Andere, was Volkshochschulen von den Beiträgern von Bildung als Optimierungstechniken unterscheidet. Und ihre Zukunft sichert. So gesehen hat sich an der Mission der Volkshochschulen, wie ich sie sehe, über 100 Jahre nichts geändert.

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Pius Knüsel ist Direktor der Volkshochschule Zürich.