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Der Maximal­verstehvektor

  • 08.10.2019

In seiner Replik auf den Essay von Pius Knüsel betont der Autor die auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Arbeitsweise der Volks­hochschulen. Er argumentiert philosophisch und stellt das «echte Verstehen» in den Vordergrund, welches – unabhängig von den jeweiligen Angeboten – Ziel eines jeden Volkshochschul­kurses sein soll.

Nicolas Füzesi, EP 3/2019

Liegt der entscheidende Unterschied zwischen Volkshochschulen (VHS) und Migros Klubschulen (oder anderen Kursanbietern) in den Volkshochschulangeboten zur kulturellen Bildung im Sinne eines «Kulturbruttokoeffizienten»? Diese Frage zu stellen und zu beantworten, ist wichtig angesichts des Umstands, dass es Volkshochschulangebote gibt, die nach Pius Knüsels Definition entweder gar nicht oder nur halbwegs zur «kulturellen Bildung» gehören, nämlich Grundbildungsangebote, Praxiskurse oder Sprachen.

Ich antworte als Philosoph und frage auf Begriffsebene zurück: Was ist Kultur ohne Sprache? Was ist Sprache ohne Schrift? Und was ist Schrift ohne ihre Träger; seien dies nun Stein, Papier oder digitale Speicher?

Ich will damit signalisieren, dass es aus meiner Perspektive nicht um eine Debatte zu Selbstzweck und Nutzen eines konkreten Kursangebots geht, bei der diejenigen Angebote, die dem engeren Begriff von kultureller Bildung, wie Knüsel ihn veranschlägt, zugeordnet werden können, per definitionem selbstzweckhaft sind, im Unterschied zu solchen, die sich an einer konkreten Praxis orientieren, wie beispielsweise dem Baum-Schneiden, Aquarellieren oder auf Englisch zu kommunizieren. Es geht – eine Etage tiefer und sehr grundsätzlich – um das Verstehen dessen, was angeboten wird.

Hier sehe ich das Herz der Volkshochschule in allen ihren Angeboten schlagen. Denn «Verstehen» intendiert mehr als das Erfassen eines isolierten Sachverhalts in seiner blossen Funktionalität. Es bedeutet, den Zusammenhang auszudeuten, in dem dieser Sachverhalt steht.

Mehr als «Zurichtung»

Dieses «echte» Verstehen geht über eine «Zurichtung» noch weiter hinaus, als es die Zuspitzung von Knüsel will. Es verlangt, streng genommen, so, wie es die philosophische Hermeneutik vorschlägt, eine Anverwandlung des Verstehenden. Das Individuum ist dazu aufgefordert, den Sachverhalt «innerlich» abzubilden, ihn sich zu eigen zu machen, um ihn wahrhaftig verstehen zu können. Das aber macht genau die Nachhaltigkeit aus, die sich die Volkshochschule auf ihre Fahnen schreibt und die meines Erachtens ihren Wesenskern ausmacht. Denn ausformuliert bedeutet «echtes Verstehen» nichts anderes, als Zeit und Raum zur Verfügung zu stellen, um diesen Prozess der Anverwandlung in allen möglichen Kontexten und Angebotsformen zu ermöglichen.

Diese Identität, nachhaltig zu arbeiten, verbindet die Vielfalt der Angebote in einem VHS-Programm. Es ist dabei grundsätzlich «egal» im Sinne von gleichwertig, ob es um etwas Sprachliches, wie das Phänomen eines Bildzeichens im Chinesischen, etwas Digitales, wie die Taste eines Computers, die grundsätzlich anders funktioniert als mein Stift auf dem Papier, oder etwas Politisches, wie der Begriff der Demokratie, seine Bedeutung in der Antike und für uns heute, geht.

Das Entscheidende

VHS-Programme bewegen sich nicht in der Begrenzung auf einen bestimmten Kanon und Bildungssektor. Was auch immer sie sich zu eigen machen, was sie ausmacht, ist, dass ihre Angebote durchdacht sind, aufeinander verweisen und zum Teil aufeinander aufbauen. Und dass sie in unterschiedlichste Formate gegossen und damit einem kreativen Gestaltungsprozess unterworfen werden. Daher arbeiten Volkshochschulen auch nicht kommerziell, sondern sinnorientiert und versuchen, diese Orientierung «marktfähig» zu machen. Sie verlangen dadurch allen Involvierten Zeit und Umsicht, ja Enthusiasmus und Engagement ab. Genau deshalb ist das aus meiner Sicht Entscheidende nicht die Festlegung auf einen bestimmten Bildungssektor, die kulturelle Bildung, die, so Knüsel, einzig «der Antrieb der VHS sein» könne. Nein, das Entscheidende ist, wie die Volkshochschulen ihre Angebote zur Verfügung stellen, was sie durch sie an Verstehen in unterschiedlichsten Bereichen und für unterschiedlichste Menschen ermöglichen.

Der Kulturbruttokoeffizient ist eigentlich und insofern ein Maximalverstehvektor: Die Volkshochschulen formulieren präzise Bildungsgefässe, um verschiedene Inhalte zu transportieren, die ein maximales Verstehen des jeweiligen Gegenstandes ermöglichen. Das geschieht freiwllig, auf Augenhöhe und ohne direkten Verwertungszwang.

Ebendies tun alle Volkshochschulen in meinen Augen, seien sie nun klein oder gross, Standortuniversitäten verbunden oder nicht. Und auf dieser Basis zeigt sich, dass auch Angebote, die nicht zur kulturellen Bildung im engeren Sinn gehören, nicht per se «funktional» sind.

Aber einmal ganz unabhängig davon, wie sich Volkshochschulen über sich selbst und ihre Angebote verständigen, die Zuspitzung von Knüsel – hier die selbstzweckhafte kulturelle Bildung der Volkshochschulen, dort der Funktionalitätswahn der Ausbildungsbetriebe –, ist eben eine, und als solche ein Pappkamerad: Individuen lassen sich formen, aber nicht endlos. Und spätestens mit den Millennials ist eine Generation im Arbeitsprozess, die sich dem Funktionalitätswahn unserer Arbeits- und Ausbildungswelt auf eigene Art entzieht, indem sie – ihrem Selbstverständnis nach (und das ist das Entscheidende) – nicht mehr für einen Arbeitgeber, sondern mit ihm arbeitet. Insofern sind auch «Zurichtungen» durch «Bildungsanstalten» in ihrer Reichweite limitiert. Und das rein Funktionale entspricht aus guten Gründen auch nicht dem Selbstbild jener Institutionen, die sich ausschliesslich der Ausbildung widmen.

Die Frage ist eher, ob die Volkshochschulen für diese und weitere nachwachsende Generationen auch in näherer und fernerer Zukunft interessante Angebote bereithält. Es geht meines Erachtens dabei nicht um die Verteidigung des Fundaments eines als bürgerlich zu verstehenden Abendlandes, wie Knüsel meint. Allenfalls geht es um dessen Selbstvergewisserung; aber sicher nicht im Dienste eines Kanons, führte dieser, wie Nietzsche zu Recht und im Rückgriff auf Goethe ausführt, doch nur zur «Ägyptisierung», einer Art Mumifizierung des Geistes, anstatt die individuelle «Tätigkeit zu vermehren oder unmittelbar zu beleben».

Es geht vielmehr um einen kreativen und insofern freien Umgang mit den Bildungsinhalten und Werkzeugen unserer Kulturtätigkeit, und dies in allen Lebensbereichen. Dieser Umgang muss im Austausch und auf Augenhöhe mit denjenigen gesucht werden, die am Verstehen ihrer selbst und der Welt interessiert sind. Und das sind grundsätzlich alle Menschen als Menschen. Die dieser nicht funktionalen Bildung inhärenten Aufklärungsideale sind also nicht bildungsbürgerlich zu verkünden, sondern gemeinsam einzuüben und dadurch immer wieder an ihnen selbst zu bewähren; denn Vernunft und Herrschaft verhalten sich in etwa so wie Wissen und Macht: spiegelbildlich oder – wie Adorno und später Foucault meinten – «dialektisch».

Öffnen wir also unsere Volkshochschulen, machen wir sie konsequent zu Spielräumen des Geistes, stellen wir Möglichkeiten des Austauschs über uns und die Welt zur Verfügung; ohne Zwang und Eintrittshürden, in lebendiger Diskussion jener Aufklärungsideale, um die immer wieder neu gekämpft werden muss.

Also kein Kulturbruttokoeffizient, weder «brutto» noch «netto», sondern Maximalangebote des Verstehens vor dem Hintergrund offener Horizonte einer gemeinsam immer weiter und tiefer zu entdeckenden Welt.

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Nicolas Füzesi ist Leiter Sprachen und Grundbildung, VHS beider Basel.