Hauptinhalt

eduQua:2021 stellt sich dem Praxistest

  • 19.02.2021

Seit zwei Jahren arbeitet der SVEB zusammen mit vielen Stakeholdern an der Revision der eduQua-Norm. Im Februar 2021 begann der Pilotierungsprozess. Die Ecap ist eine von fünf Weiterbildungsanbietern in der ganzen Schweiz, die die Norm eduQua:2021 im Rahmen der Pilotierung testen. Geschäftsleiter Guglielmo Bozzolini gibt Einblick in die Erfahrungen der Ecap mit der neuen Norm.

Herr Bozzolini, die Ecap hat sich im Februar als erste Institution nach der neuen Norm eduQua:2021 zertifizieren lassen. Wie haben Sie die Pilotierung erlebt?

Guglielmo Bozzolini: Man braucht etwas Zeit, um sich in der neuen Norm zurechtzufinden, aber für uns ist die Pilotierung positiv verlaufen. Ich würde sogar sagen, für uns als grosse Organisation ist die neue Norm besser und einfacher anzuwenden als die bisherige.

In welchem Sinn?

Früher gab es einen allgemeinen Teil und ein ausgewähltes Angebot. Wir standen immer vor der Frage, welches Angebot aus welcher Region wir auswählen sollten. Jetzt betrachtet man die Organisation als Ganzes und nicht nur die einzelnen Angebote. Ich finde das gut. Für eine kleine Organisation mit nur einem oder zwei Angeboten ändert sich wenig, aber für eine mittlere oder grosse Organisation macht die neue Norm einen sehr grossen Unterschied.

Weil die Organisation als Ganzes in den Blick kommt?

Ja. Darin liegt übrigens auch ein grosser Unterschied zum Qualitätslabel fide, wo nur einzelne, isolierte Angebote zertifiziert werden. Mit diesem Ansatz müsste Ecap 30 verschiedene fide-Labels beantragen, was nicht machbar ist. Und auch wenn man zwei Labels hat, z.B. für Sprachkurse auf der Baustelle im Basel, sagt das nichts über die Qualität eines Intensivkurses in Zürich aus. Bei eduQua wird das besser gelöst.

Ihre Bilanz zur neuen Norm fällt also positiv aus. Aber nichts ist perfekt. Sehen Sie in der neuen Norm auch Schwächen?

Ich würde es begrüssen, wenn eduQua strenger würde. Das hätte einen Selektionseffekt auf die Anbieter und wäre im Interesse der Menschen, die eine Weiterbildung suchen und wissen wollen, ob der Anbieter eine gewisse Qualität garantiert oder nicht. Ich fände es deshalb gut, wenn einige Kriterien strenger geregelt würden.

Welche Kriterien wären das?

In der Ausbildung der Ausbildenden sollte man strenger sein. Ich kann allerdings noch gar nicht beurteilen, welche Folgen die neue Norm in dieser Hinsicht tatsächlich hat. Früher war es möglich, Weiterbildungsangebote zu zertifizieren, ohne über ein umfassendes Bildungskonzept mit Zielgruppenanalyse usw. zu verfügen. Es genügte beispielsweise, gute Lehrmittel und Lehrpläne vorzuweisen. Wenn die neue Norm so umgesetzt wird, wie ich sie verstehe, denke ich, dass es nicht mehr möglich sein wird, sich ohne umfassendes Bildungskonzept zertifizieren zu lassen. Das könnte man gewissermassen schon als Verschärfung der Norm sehen.

Seit fast einem Jahr zwingt die Corona-Pandemie die Weiterbildungsanbieter, ihre Angebote vorwiegend digital durchzuführen. Hat das in der Ecap den Umgang mit Qualität verändert?

Ich denke, dass es notwendig ist, neue didaktische Konzepte zu entwickeln. Das haben wir noch nicht getan, aber wir haben seit einigen Jahren ein Grundsatzpapier mit unseren didaktischen Grundsätzen und sorgen dafür, dass alle unsere Angebote diesen Kriterien entsprechen. Ich denke, dass man jetzt neue didaktische Konzepte für digitalisierte Angebote erarbeiten sollte.

Während der Pandemie lag unsere Priorität darin, schnell in der Lage zu sein, digitalisierte Angebote durchzuführen. Ehrlicherweise muss man aber sagen, dass die digitalen Kurse im Allgemeinen mit der gleichen Methode durchgeführt wurden wie die Präsenzkurse. Jetzt müssen wir einen Schritt weiter gehen und die Digitalisierung auch als Chance nutzen, um andere Lernformen zu ermöglichen. Wir möchten auch eine stärkere Individualisierung der Lernzeiten ermöglichen. Diese Dinge erfordern Arbeit an den didaktischen Grundsätzen.

Sie werden ja wahrscheinlich teilweise im Digitalen bleiben und teilweise in Präsenzunterricht zurückgehen, sobald dies möglich ist?

Ja, wir haben Anfang Februar entschieden, dass digitale Angebote auch künftig Bestandteil unserer Tätigkeit sein werden. Für gewisse Zielgruppen ist es einfacher, einen Kurs zu besuchen, wenn er digital stattfindet.

Seit Jahren werden wir gebeten, Sprachkurse für die Gastrobranche im Engadin zu organisieren. Dies ist jedoch nur möglich, wenn Grossbetriebe interne Kurse durchführen möchten. Mit digitalisierten Angeboten werden Kursbesuche auch für Menschen möglich, die in Kleinbetrieben oder in Randregionen arbeiten. Dank der Digitalisierung sollte es uns gelingen, ein breiteres Publikum zu erreichen. Das ändert aber nichts daran, dass der Digital Divide weiter zunimmt.

Eine weitere grosse Herausforderung ist die Tatsache, dass die meisten Plattformen und Instrumente für digitales Lernen gut mit einem PC oder Tablet funktionieren, aber nicht alle Teilnehmenden über solche Geräte verfügen. Wir haben festgestellt, dass 88% der Menschen, die sich für unsere digitalen Angebote interessieren, nur ein Smartphone zur Verfügung haben.

Da Ihnen Professionalität wichtig ist: Wie sieht es mit den Kompetenzen der Kursleitenden aus?

Die Pandemie war in diesem Sinn auch eine Chance. Anfangs haben die Kursleiterinnen Widerstand geleistet – aber viel weniger Widerstand, als sie ohne Pandemie geleistet hätten. Viele Kursleiterinnen haben Angst und sind froh, von zuhause aus arbeiten zu können. Entsprechend hoch war ihre Bereitschaft, Kursunterlagen zu entwickeln und mit neuen Formaten zu experimentieren. Wir haben auch viele Weiterbildungen für unsere Kursleitenden organisiert.

Kann man die Qualität halten, wenn man die Kurse nur via Smartphone durchführen kann?

Das ist eine grosse Herausforderung. In gewissen Angeboten haben wir die Bedingung eingeführt, dass die Teilnehmenden über einen PC oder ein Tablet verfügen müssen. Wir prüfen aber auch, ob wir selbst Infrastruktur zur Verfügung stellen könnten, sofern sich dies finanzieren lässt.

In einem nächsten Schritt braucht es Investitionen in die Entwicklung von Lerninhalten und Lernmaterialien, die einfach zu bedienen sind. Für das Selbstlernen funktioniert das Handy gut. Wir haben beispielsweise eine Serie von Selbstlernvideos produziert und kostenlos zur Verfügung gestellt. Lesen und Verstehen kann man so gut trainieren. Komplizierte Texte mit dem Handy zu schreiben, geht aber nicht.

Wie gut deckt die neue Norm diese neuen Entwicklungen ab?

Ich finde, die Norm passt an sich sehr gut auch für digitale Angebote. Aber natürlich sollte man bei der Prüfung der Konzepte und Unterlagen der Anbieter verlangen, dass sie die unterschiedlichen Kontexte von digitalen Angeboten und Präsenzangeboten berücksichtigen. Jetzt ist es wichtig, dass die Kurse stattfinden, und es ist ok, wenn ein Kursleiter frontal unterrichtet. Aber auf die Länge geht das nicht. Didaktische Konzepte für digitale Angebote müssen anders aussehen als didaktische Konzepte für Präsenzunterricht.

Die Ecap ist ein grosser Anbieter mit neun Standorten in allen Sprachregionen. Inwiefern unterscheidet sich die Qualitätssicherung bei Ihnen von der Qualitätssicherung in einer kleinen Organisation?

Das unterscheidet sich sehr stark. Das fide-Label zum Beispiel basiert auf Prozessen, wie sie bei kleinen Organisationen vorkommen. Fide verlangt, dass in jeder Organisation eine Person für die Qualitätssicherung verantwortlich ist.

Qualitätssicherung in einer grossen Organisation wie der Ecap findet anders statt, nämlich durch die Erarbeitung von gemeinsamen Konzepten oder Standards, durch Erfahrungsaustausch und Diskussion zwischen den regionalen Qualitätsverantwortlichen. Wir haben ein Fachgremium für alle grossen Kursbereiche, dort tauscht man sich aus und erarbeitet gemeinsame Konzepte und Instrumente.  So schaffen wir es mehr oder weniger zu garantieren, dass die Qualität unserer Kurse in Lausanne, Bern oder Zürich ungefähr gleich ist. Mit eduQua ist das möglich, und mit der neuen Norm wird diese Qualitätsentwicklungsarbeit sogar einfacher als mit der alten.

Qualität hat ja sehr verschiedene Aspekte, da geht es um didaktische Konzepte, Führungsfragen der Organisation, Kursleiterkompetenzen etc. Wo liegt für Sie die grösste Herausforderung in der Qualitätssicherung?

In der Weiterbildung stehen die Menschen im Zentrum. Darum hängt auch die Qualität des Unterrichtes sehr stark von der Kursleitung ab. Das können wir nur indirekt beeinflussen: durch Aus- und Weiterbildung, Evaluation, Betreuung und Beratung. In den letzten Jahren ist das komplizierter geworden.

Für Ecap stehen immer die Teilnehmenden im Vordergrund. Diese haben – vor allem, wenn sie selber bezahlen – hohe Ansprüche, und sie haben auch ein Recht auf qualitativ gute Angebote. Gleichzeitig möchten wir aber auch ein sozialer Arbeitgeber sein. Das grosse Problem ist, dass diese beiden Ansprüche nicht immer einfach zu vereinbaren sind. Nehmen wir an, eine Kursleiterin ist in einer schwierigen Lebensphase oder hatte ein Burn-out und kommt in den Arbeitsprozess zurück. Es kann sein, dass sie in einer solchen Lebensphase nicht unbedingt gut unterrichtet oder belastbar ist. Wenn wir nur die Qualität für die Teilnehmenden in den Vordergrund stellen, sollten wir diese Leute nicht weiter beschäftigen. Ein sozialer Arbeitgeber zu sein und zugleich Qualität zu garantieren, ist für uns im Moment die grösste Herausforderung. Die Pandemie hat dieses Problem weiter verschärft.

Interview: Irena Sgier