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Karrierefördernde Weiterbildung darf kein Eliteprogramm sein

  • 19.02.2020

Karriere macht man mitunter auch dank Weiterbildung. Deshalb müsste der Zugang zu Weiterbildung für möglichst viele offen sein.

Ronald Schenkel

Weiterbildung hilft der Karriere. Wie ein Mantra unterlegen Weiterbildungsinstitutionen ihre Angebote mit diesem Satz. Und eine Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer vertraut darauf: 85 Prozent jener, die eine berufliche Weiterbildung machen, zielen damit auf eine Erhöhung ihrer Karrierechancen ab. Zum Vergleich: Nur 27 Prozent sehen in der beruflichen Weiterbildung eine Möglichkeit, das Risiko des Stellenverlusts zu verringern.

Die Rechnung scheint auch aufzugehen, zumindest in bestimmten Fachbereichen. So hat 2018 die Hochschule Luzern 400 ehemalige Studierende, die 2014 ein CAS-, DAS- oder MAS-Programm am Departement für Wirtschaft eben dieser Hochschule abgeschlossen haben, nach dem Effekt ihrer Weiterbildung befragt. Mehr als ein Drittel der Absolventinnen und Absolventen wurde befördert oder hat den Arbeitgeber gewechselt. Bei den DAS-Programmen erhielten 60 Prozent der Befragten eine Beförderung, bei den MAS rund 50 Prozent und bei den CAS gut 25 Prozent.

Weiterbildung für einen bestimmten Kreis

Doch Weiterbildungen, die mit dem Zertifikat einer Hochschule gekrönt werden, haben ihren Preis. Sie sind einer bestimmten Klientel vorbehalten, die sich diese Kurse leisten kann, ja, die überhaupt Zugang zu ihnen hat. Die Karrierechancen und -wege dieser Gruppe lassen sich nicht einfach verallgemeinern.

Zudem entfallen auf CAS, DAS oder MAS nur vier Prozent der in der Schweiz erworbenen Weiterbildungszertifikate. Die überwiegende Mehrheit stammt von privaten Anbietern – sind sogenannte Inhouse-Zertifikate. Ob diese ebenso karriereeffektiv sind wie die der oben genannten Hochschule, lässt sich nicht sagen. Die einschlägigen Studien dazu fehlen.

Branchenzertifikate

Etwas genauer weiss man es bei den Branchenzertifikaten; non-formale Abschlüsse, die in der Branche eine teilweise hohe Anerkennung geniessen. Sie sind beispielsweise für Quer-, Um- und Wiedereinstei­gerinnen, Migranten ohne formalen Abschluss oder ältere Arbeitnehmende nicht selten das Ticket in die Arbeitswelt oder in einen neuen Beruf. Im Rahmen eines brancheninternen Weiterbildungssystems können sie ein Karrierebaustein sein.

Hat das Mantra also recht? Pauschalisiert sicher nicht. Weiterbildungen gibt es bekanntlich wie Sand am Meer. Und aus der Fülle die richtige zu finden, ist nicht einfach. An guten oder zumindest gut gemeinten Ratschlägen, nach welchen Kriterien man sich für eine Weiterbildung entscheiden soll, herrscht nun ebenso wenig Mangel.

«Sich nicht nach Modetrends richten» oder «nicht wahllos Abschlüsse anhäufen», heisst es da. Vielmehr solle man sich nach den «beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten» orientieren, welche einem aufgrund der eigenen beruflichen Qualifikation offenstehen.

Beratung tut not

Das setzt voraus, dass man das Entwicklungspotential des eigenen Berufs oder der eigenen Branche tatsächlich kennt. Das ist heutzutage gar nicht so einfach. Die digitale Transformation kappt mitunter bislang erfolgsversprechende Karrierewege oder lenkt sie in neue Bahnen. Eine fachliche Vertiefung kann auf den ersten Blick nützlich erscheinen. Erfolgt jedoch eine Umstrukturierung im Unternehmen, steht man plötzlich mit den falschen Kompetenzen da.

Der Bedarf an Information wächst. Das Angebot an Weiterbildungsberatung in der Schweiz ist in vielen Bereichen aber noch entwicklungsbedürftig. Eine Studie des Bundes ergab, dass öffentliche Beratungsstellen heute fast keine Erwachsenen erreichen, sie konzentrieren sich, wie sie es immer getan haben, auf Jugendliche und stehen so neben den Bedürfnissen der Zeit. Das muss sich ändern.

Natürlich liesse sich der Ball einfach an die Weiterbildungsanbieter weiterspielen. Sie kennen die Bedürfnisse von Erwachsenen und besitzen entsprechende Kompetenzen, sie anzusprechen, abzuholen und zu beraten. Die grosse Frage ist, ob diese Leistungen für eine Mehrheit bezahlbar sind. Denn individuelle Beratungsangebote sind naturgemäss zeitintensiv und entsprechend teuer. Karriere darf jedoch keiner Elite vorbehalten bleiben, die sich ein CAS oder Ähnliches leisten kann. Weder der Fachkräftemangel noch der Umbau der Wirtschaft durch die digitale Transformation erlauben dies.  

Dieser Text ist zuerst in der Handelszeitung erschienen.