Hauptinhalt

Lernen als Kompetenz an sich

  • 26.09.2017

Auch Menschen mit einer Erstausbildung ergattern heute nicht mehr unbedingt die spannendsten Jobs. Zusätzliche Kompetenzen werden immer gefragter. Auf lange Sicht bedeutet das, dass eine Fähigkeit besonders wichtig wird: die Kompetenz des Lernens.

Ronald Schenkel

Wir leben in einer Zeit, in der sich die Bedeutung zwischen dem Erstabschluss und der Weiterbildung laufend verschiebt. Es ist nach wie vor unbestritten: Eine solide Erstausbildung, sei es mit einem Berufsabschluss oder einem Hochschulabschluss, hat in der Schweiz eine hohe Bedeutung. Doch auch hierzulande zeichnet sich eine Entwicklung ab, die etwa in den USA bereits breite Schichten erreicht hat.

Gute Ausbildung heisst nicht automatischer guter Job

Auch Personen mit einer Erstausbildung auf hohem Niveau ergattern auf dem Arbeitsmarkt nicht automatisch Jobs, die ihren Fähigkeiten entsprechen. Dem ist vorauszuschicken, dass auch Jobs, die keine hohe Qualifizierung erfordern, nicht einfach verschwinden. Der technologische Wandel und die Automatisierung schreiten zwar fort. Aber noch füllen Menschen Stellen, die ihnen keine besonderen Ansprüche abverlangen, die sie zu Routinetätigkeiten verurteilen und in denen Kreativität und Gestaltungsmöglichkeiten schlicht nicht gefragt sind.

Im Gegenteil: Sogenannte «Bullshit-Jobs», wie der Anthropologe David Graeber bereits 2013 unproduktive Arbeitsplätze bezeichnete, schiessen wie die Pilze nach einem warmen Regenguss aus dem Boden. Sie entstehen in Banken oder in der PR, im Telemarketing oder in der Überwachungsindustrie und in der Verwaltung.

Berufe im Wandel

Während aber Unterqualifizierte vermehrt aus dem Arbeitsprozess ausscheiden, saugen diese Jobs immer mehr auch Personen mit einer höheren Grundbildung auf. Personen wiederum, die sich auf einen bestimmten Beruf hin ausgebildet haben – Handwerkerinnen, KV-Angestellte, Chemielaborantinnen –, müssen erkennen, dass ihre Zukunft keineswegs sicher ist; ob der Beruf, wie sie ihn gestern gelernt haben, morgen noch in dieser Form existiert, ist offen.

Wer den Weg aus der Einöde oder aus der Sackgasse finden will – oder gar nicht erst hineingeraten möchte –, muss Zusatzqualifikationen ausweisen. Stellt sich die Frage, welche das sein könnten. Die Kompassnadel
schlägt je nach Erstausbildung, Berufsperspektive und persönlicher Neigung natürlich anders aus. Doch immer geht es darum, seine eigene Employability, mit anderen Worten die Arbeitsmarktfähigkeit, zu erhalten oder gar zu steigern.

Was wird sich verändern?

Rein berufliche Weiterbildungen, die immer punktgenauer und auf einen unmittelbar anwendbaren Nutzen im Rahmen der Beschäftigung hin ausgerichtet sind, werden dazu kaum ausreichen. Vielmehr muss sich heute jeder mit einigen zusätzlichen Fragen auseinandersetzen: welche Entwicklungen werden den Arbeitsmarkt verändern, welche Kompetenzen drängen sich in den Vordergrund, wie können neue Herausforderungen mit den persönlichen Bedingungen und Bedürfnissen in Einklang gebracht werden?

Am Beispiel des boomenden Marktes für Programmierkurse lässt sich das sehr gut illustrieren. Die Fähigkeit zu coden ist längst zu einer Nachfrage geworden nicht allein von Softwarefirmen. Auch wer in der Werbung
oder bei Medien arbeitet, tut gut daran, etwas von Coding zu verstehen. Noch vor zehn Jahren schrie kein Hahn danach – und die Unternehmen wären auch kaum auf die Idee gekommen, ihre Mitarbeiter
auf diesem Gebiet zu unterstützen. Heute rekrutieren sie fleissig Abgänger von sogenannten Boot Camps.

Schwierige Prognosen

Dies zu Ende gedacht, bedeutet das auch, dass die Unternehmen mit derselben Unsicherheit umgehen müssen wie die Individuen. Die Zukunft wird immer schwieriger vorauszusagen und der technologische Wandel katapultiert auch gesetzte Unternehmen unversehens aus der Komfortzone. Deshalb wird wohl eine Kompetenz zunehmend gefragt sein: die Fähigkeit des Lernens an sich.

Zuerst erschienen in der Weiterbildungsbeilage des Tages-Anzeigers vom 16. September 2017

Noch vor ein paar Jahren waren Programmierfähigkeiten nur bei Software-Unternehmen gefragt. Heute suchen auch andere Branchen nach Könnern des Codings. (Bild: Pixabay)