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Die hartnäckigen Alten

  • 16.05.2018

Mit dem Ruhestand fallen arbeitsbezogene Lernanlässe weg. Weshalb sich viele dennoch "hartnäckig" weiterbilden, verrät Claudia Kulmus von der Humboldt Universität zu Berlin im Interview. Am 22. Mai präsentiert sie im Netzwerk Weiterbildungsforschung an der PH Zürich Resultate ihrer Forschung.

Interview: Philipp Schüepp

Frau Kulmus, in Ihrer Forschungsarbeit gehen Sie der Frage nach, „warum alternde Menschen hartnäckig an Bildungsinteressen festhalten“. In Statistiken zur Weiterbildungsbeteiligung liegt diese Gruppe aber ganz hinten. Das scheint gar nicht so „hartnäckig“?
Auf den ersten Blick vielleicht. Man muss aber bedenken, dass in Deutschland zum Beispiel etwa 80 Prozent der Weiterbildungsaktivitäten aller Altersgruppen eher beruflich motiviert sind. (Anmerkung: Das entspricht dem Anteil in der Schweiz)

Die rückläufige Beteiligung per se ist also kein Problem?
Zuallererst mal zeigt sie vor allem die hohe Bedeutung von Erwerbsarbeit für Lerninteressen auf; hier gibt es offenbar viele Anlässe – und vielleicht auch Zwänge – für institutionalisiertes Lernen. Trotzdem muss man natürlich fragen, auf welche Probleme die sinkende Beteiligung verweisen könnte. Es kann sein, dass es nicht das richtige Angebot gibt, dass Angebote oder Einrichtungen der Erwachsenenbildung schlecht erreichbar sind, dass sie zu teuer sind etc. Es könnte aber auch auf eine „Lernerschöpfung" hinweisen, wenn man viele Jahre im – manchmal fremdbestimmten – Hamsterrad des berufsbezogenen Lernens feststeckte und dann einfach lernmüde geworden ist. Oder, und das war meine Ausgangsfrage, es könnte auch sein, dass der Sinn des Lernens von Älteren stärker hinterfragt wird. 

Woran liegt das?
Der Sinn von Lernen kann zumindest fraglich werden, wenn die Zukunftsperspektive nicht mehr ganz so offen ist, die Verwendungsmöglichkeiten des Gelernten nicht mehr auf der Hand liegen oder auch ganz konkret die Zukunft angesichts der Endlichkeit menschlichen Lebens eben begrenzt ist. Das ist allerdings erst mal nur eine theoretische Unterstellung, die man eben empirisch untersuchen müsste – und das heisst: Man muss die Älteren selbst zu Wort kommen lassen.

Netzwerk Weiterbildungsforschung
Das Thema "Weiterbildung im Alter" wird am 22. Mai beim 4. Treffen des Netzwerkes aus wissenschaftlicher und praktischer Perspektive vorgestellt und diskutiert.
Die Teilnahme ist kostenlos und steht Interessierten offen.
>> Informationen und Anmeldung

Genau das machen Sie in Ihrer Forschungsarbeit. Wie gehen Sie dazu vor?
Ich habe in Begegnungsstätten für Ältere Gruppendiskussionen durchgeführt. Dabei ging es mir vor allem darum, dass die Menschen miteinander über ihr Altern reden konnten ohne dabei in eine Frage-Antwort-Situation zu kommen. Thema war, wie die Menschen ihr eigenes Altern erfahren, wie sie damit umgehen und welche Rolle Lernen dabei spielt.  Die Gespräche liefen meist von selbst und es kamen Themen auf, nach denen ich gar nicht gefragt hätte, weil mein Horizont ein anderer ist.

Und wie wurde die Sinnfrage dabei beantwortet?
Im Gespräch mit den Älteren wurde durchaus mal der Satz gesagt: „wozu das alles noch?“ Das bezieht sich gar nicht nur auf das Lernen. Man macht viele Dinge nur noch für sich, ohne dass sie für andere Relevanz haben. Das liegt beispielsweise daran, dass man nicht mehr in einen Arbeitszusammenhang eingebunden ist. Oder weil Familienstrukturen nicht mehr so eng sind und die Kinder oder Enkel einen nicht mehr so stark brauchen. Das kann durchaus frustrierend sein. Allerdings hat sich gezeigt, dass die Menschen Strategien finden, sich neue Aufgaben und dadurch neuen Sinn zu schaffen: durch ehrenamtliche Engagements zum Beispiel oder eben auch durch die Teilnahme an Bildungsveranstaltungen. Das hilft, um im Angesicht von Endlichkeit und der Tatsache, dass man nicht weiss, wie lange es noch weitergeht, trotzdem dem Leben und dem eigenen Handeln immer wieder Sinn zu geben. Das gehört wahrscheinlich zu den grossen Aufgaben des Alterns, auch mit dieser Ungewissheit umzugehen, sie auszuhalten und die vorhandenen Freiheiten zu gestalten.

Da liegt also die „Hartnäckigkeit“: Man schafft sich neue Aufgaben, die Lernanlässe bieten, oder das Lernen wird selbst zur Aufgabe. Aber was spricht denn eigentlich dagegen, sich mit 64 auch vom Lernen „pensionieren“ zu lassen?
Einerseits, dass die Lebenszeit nach der Pensionierung immer länger wird und es noch genug zu entdecken gibt, und andererseits, dass das Leben eben doch auch immer Lernanlässe bereit hält, auch altersspezifische: Es gibt Nachholbedürfnisse an Bildung, Übergänge wie die Pensionierung, Zäsuren wie den Tod Nahestehender und auch Veränderungen in der körperlichen Leistungsfähigkeit und Mobilität. Wichtig ist, um ein solches Lernen wissenschaftlich in den Blick zu bekommen, dass man einen Lernbegriff hat, der nicht nur Wissensaneignung oder die Bearbeitung von körperlichen Funktionseinbussen beinhaltet. Lernen kann auch heissen, sich selbst im Prozess des Alterns immer wieder neu kennenzulernen, immer wieder neu mit Begrenzungen umgehen zu lernen, aber auch zu lernen, nicht alles hinzunehmen, was mit dem Altern einhergeht. Damit meine ich nicht nur körperliche Veränderungen, sondern auch soziale Zuschreibungen oder Anforderungen. Und dazu gehört genau auch die Leerformel, dass man per se aktiv zu sein habe.

Man kann also sogar lernen, mit dem Lernen aufzuhören?
Ich würde eher sagen, man kann lernen, genauer darauf zu schauen, was man selbst braucht oder eben nicht braucht für ein gutes Leben – das kann auch weiterhin heissen, für andere etwas zu tun, aber es heisst vor allem: nicht was irgendwer meint, dass ich lernen – oder tun – müsste. Dennoch wissen wir auch um Zusammenhänge zwischen Aktivität und Lebenszufriedenheit im Alter. Das zeigt auch meine Forschung: Aktivität, und vor allem auch Lernen als Form der Auseinandersetzung mit Themen, fördert immer auch einen Bezug zur Aussenwelt, zu Themen, die ausserhalb der eigenen Person oder auch des eigenen Horizontes liegen. Das wird umso wichtiger, wenn Altersbeschwerden, wachsende Immobilität etc. diesen Kontakt mühsamer machen und eher einen Rückzug nahelegen.

Lernanlässe gibt es also genügend und auch die Sinnfrage kann umgangen werden. Bleibt die Frage nach den vorhandenen Angeboten für Ältere.
Ältere Menschen sind ja erst mal einfach Erwachsene, die schon etwas länger leben als andere. Ihre Lernbedürfnisse sind genauso von ihren biografisch entwickelten Interessen und ihrer aktuellen Lebenssituation geprägt wie die jüngerer Erwachsener.

Es braucht also keine speziellen „altersgerechten“ Angebote?
Ich würde sagen: Es kommt darauf an! Zunächst mal stehen ja ohnehin die meisten Angebote der Erwachsenenbildung auch Älteren zur Verfügung und werden – zumindest in Deutschland – auch von ihnen genutzt. Die Frage wäre vielleicht eher, ob und für welche Themen tatsächlich zielgruppenspezifische oder gar altershomogene Angebote angemessen sein könnetn. Diese Frage ist eigentlich nicht Teil meiner Forschung. Ich kann Ihnen aber zur Veranschaulichung ein Beispiel geben: Für die älteren Teilnehmenden eines Französischkurses war ein Angebot das passende, solange es vormittags stattfand. Nicht etwa, weil dort extra für die Älteren „langsamere“ Lernmethoden oder ähnliches angeboten worden wären, sondern weil in den Kursen, die abends stattfanden, viele Berufstätige sassen, die sich schnell für den Beruf Kenntnisse aneignen mussten und sonst wenig Interesse an der Kultur oder auch am sozialen Austausch hatten. Aus dem Vormittagskurs heraus entstanden hingegen gemeinsame thematische Kinogänge, Kochabende, Museumsbesuche aber auch Lerngruppen. In dem Kurs waren aber gar nicht nur Ältere, sondern auch Jüngere, die keinen beruflichen Druck hatten. Es war also eigentlich keine Frage des Alters, sondern der Lebenssituation.
Worüber man aber nachdenken müsste ist, ob es genügend Angebote gibt, die tatsächlich altersspezifische Erfahrungen thematisieren, ohne dass sie stigmatisierend wirken, also zum Beispiel bezogen auf den Umgang mit Endlichkeit. In Deutschland wird aus meiner Sicht am ehesten in der konfessionellen Erwachsenenbildung in diese Richtung gearbeitet. Es gibt aber meines Wissens kaum Studien, die das Programmangebot für Ältere tatsächlich systematisch untersuchen und die Themen und Inhalte analysieren. Da steht noch einiges an Forschung aus.

In Ihrer aktuellen Forschung sprechen Sie mit älteren Menschen über ihre Endlichkeit, den Umgang mit Krankheiten und den Ausschluss aus der Gesellschaft. Das klingt nicht nach einer einfachen Aufgabe?
Hinter dieser Frage steckt ein ganzes gesellschaftliches Problem: Für das Altern, wenn es denn nicht super-aktiv und gesund verläuft, ist kein Platz. Das will keiner hören.
Aber in den Gesprächen ging es ausgesprochen heiter zu, mit sehr ernsten Momenten natürlich, in denen auch mal gesagt wurde, „Altern ist ein schlimmer Prozess“, oder „Da darf man doch auch mal Angst haben“. Aber an sich waren die Gespräche geprägt von grosser Offenheit, Selbstreflexion und einer Heiterkeit, die gezeigt hat, dass man eigentlich gar keine Angst vor solchen Themen haben muss – und auch als jüngerer Mensch mit Älteren über solche Themen reden kann. Die Älteren haben selbst hervorragende Mechanismen, es nicht düster werden zu lassen, auch für sich selbst nicht. Wenn es zu viel wird, dann sorgen sie schon untereinander und miteinander dafür, dass jetzt mal wieder Schluss ist mit dem Beängstigenden; dann wird wieder gelacht und sozusagen mit liebevoller Ironie den eigenen – auch schmerzhaften – Erfahrungen begegnet.

 

 

 

"Lernen fördert immer auch einen Bezug zur Aussenwelt" betont Claudia Kulmus und verweist damit auf die integrative Wirkung von Bildung (Bild: zVg).