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Häppchenlernen mit Nano-Degrees

  • 18.03.2019

Online-Lernen scheint perfekt geeignet für On-Demand-Weiterbildungen. Doch wer nur auf einen bestimmten Job hin lernt, tut sich vielleicht nur kurzfristig einen Gefallen.

Ronald Schenkel, Dieser Artikel ist zuerst erschienen in der Handelszeitung vom 24. Januar 2019

Da war doch mal was? Es nannte sich Massive Open Online Course, kurz MOOC. Die Geschichte ist noch nicht einmal so lange her: 2011 erfand der damals an der Standford University lehrende Sebastian Thrun dieses digitale Wundermittel zur Demokratisierung der Bildung. Nach dem Erfolg seines Einführungskurses für künstliche Intelligenz mit 160'000 Teilnehmenden gründete Thrun, eine echte Geschäftsidee witternd, einen MOOC-Hub: Udacity. Allerdings beeilte sich der Gelehrte zu betonen, dass Udacity vielmehr als ein Unternehmen sei, nämlich eine Mission mit dem Ziel, die Hochschullandschaft zu revolutionieren.

Der «Lifelong Career Learner»

Die Mission ist zumindest vorderhand noch nicht am Ziel, will man nicht von einem Scheitern sprechen. Auf jeden Fall lässt sich feststellen, dass Hochschulen weltweit weiterhin nach mehr oder weniger traditionellen (Geschäfts-)Modellen funktionieren. Die Revolution ist aber nicht abgesagt, sie soll einfach auf einem anderen Feld stattfinden: in der Weiterbildung. Glaubt man den Worten von Rick Levine, dem früheren CEO der Bildung-Plattform Coursera, sei nicht der klassische Universitätsstudierende ein typischer MOOC-Lernender, sondern der «Lifelong Career Learner», jemand also, der seine Grundausbildung schon seit einiger Zeit hinter sich hat und nun Onlinekurse mit der Absicht bucht, seine Karriere zu befördern oder sich für den Arbeitsmarkt fit zu halten.

Dieser Logik folgend, bauen die Plattformen ihre Firmenkooperationen laufend aus. Neben Udacity und Coursera gehört auch LinkedIn zu denen, die den karrierebewussten Mitarbeiter mit geeigneten Kursen auf Kurs bringen will – und auch gleich ganze Unternehmen mit Weiterbildungsangeboten beglückt. Und neben dem sozialen Netzwerk wollen inzwischen unzählige weitere Anbieter «anwendbares» Wissen in mehr oder weniger geeigneter Form an Mann und Frau bringen.

Eine neue Währung?

Thrun, der Pionier, ist jedoch noch einen Schritt weiter gegangen. Zu den Hands-on-Kursen gibt es auch gleich einen passenden Abschluss: sogenannte Nano-Degrees. Geht es nach dem Willen von Sebastian Thrun, werden Nano-Degrees zur neuen Währung des lebenslangen Lernens, die Rekrutierungsstellen als Ausweis für anwendbares Wissen dient. Dieses eignet man sich in sechs- bis neunmonatigen Onlinekurs an – berufs- oder studiumsbegleitend.

«Kurse, die die Industrie wirklich brauchen kann», preist Thrun die Nano-Degree-Ausbildung an. Was das heisst, illustriert die Aussage eines Absolventen. Er habe, so schreibt ein Datenanalyst aus Chicago in seinem Blog, sowohl einen Kurs bei Coursera wie bei Udacity besucht. Während er die Kursinhalte von Coursera zwar spannend fand, habe er das meiste nach kurzer Zeit wieder vergessen, weil er die vermittelten Inhalte nicht anwenden konnte. Ganz im Gegensatz zu den Inhalten des Udacity-Kurses. Der Datenanalyst führt dies auf einen einfachen Umstand zurück: Während Coursera seinen Kurs von Professoren einer Universität designen liess, standen hinter Udacity Google und Facebook.

Mit anderen Worten: Was Udacity in seinen Kursen vermittelt, sind Kenntnisse, die der Nachfrage bestimmter – wenn auch marktbeherrschender – Unternehmen entspricht. Oder umgekehrt formuliert: Google, Facebook und Co. schaffen sich mittels Plattformen wie Udacity und anderen Schulungsräume, die zunächst ihren spezifischen Bedürfnissen dienen. Nichtsdestotrotz haben Nano-Degrees und auch andere sogenannte Badges – Nachweise also für den Erwerb bestimmter, klar umrissener Kenntnisse – in der Industrie fussgefasst, wenn auch zunächst in der Tech-Branche. Aussagen von Absolventen scheinen auf jeden Fall zu belegen, dass Nano-Degrees als Job-Tickets funktionieren.

Das Bild des Roboters

Denkt man das weiter, so gelangen wir zu einer Weiterbildungskultur, die Arbeitskräfte schafft, welche aufgrund einer übersichtlichen Liste klar definierter Skills rekrutiert werden. Es taucht, überspritzt formuliert, das Bild des Roboters auf, der im Rahmen seiner Programmierung perfekt arbeitet. Den man darüber hinaus aber kaum brauchen kann und der dann obsolet wird – oder nachprogrammiert werden muss –, wenn die Technologie den nächsten Schritt tut.

Es lässt sich der schale Nachgeschmack nicht nehmen, dass Nano-Degrees zwar den Kurzzeitbedürfnissen der Industrie dienlich sein mögen und als Selektionsinstrument für Rekrutierungsabteilungen innerhalb eines bestimmten Zeitraums Sicherheit schaffen, aber im Grunde doch wenig nachhaltig sind. Ein Degree verliert so schnell seine Gültigkeit, wie das Wissen überholt ist – und das geschieht unserer Tage ja doch recht schnell.

Lifelong Learning wird somit zum Hamsterrad. Weiterbildung sollte indes eine gewisse Nachhaltigkeit garantieren, und so mag es angezeigt sein, bei der Wahl seiner Fortbildung nicht nur auf die konkrete Job-Aussicht zu schielen, sondern sich zumindest ein wenig darüber Gedanken zu machen, wohin man als Mensch sich entwickeln möchte und nicht bloss als Arbeitskraft.

Nano-Degrees – gezielter lernen oder die endlose Suche nach dem passenden Puzzleteil? (Bild: Pexels)