Hauptinhalt

Branchenzertifikate: ein Erfolgsmodell der Weiterbildung

  • 28.05.2019

Anbieterübergreifende Branchenzertifikate sind in der Schweizer Weiterbildung nach Inhouse-Zertifikaten die am häufigsten vergebenen Abschlüsse. Die Studie «Anerkennung von Branchenzertifikaten auf dem Arbeitsmarkt» untersucht anhand von fünf sehr unterschiedlichen Fallbeispielen, welche Faktoren dem Erfolg dieser Angebote zu Grunde liegen, und liefert damit Anhaltspunkte, um neue Angebote zu entwickeln.

von Philipp Schüepp

Das Branchenzertifikat «Pflegehelfer/in» des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) ist weit über die Branche Pflege und Betreuung hinaus bekannt. Es ist ein niederschwelliger Einstieg in einen Wirtschaftsbereich, der einen stetig steigenden Personalbedarf aufweist. Die Absolventinnen des Abschlusses halten kein staatlich anerkanntes Dokument in den Händen, und dennoch ist ihr Zertifikat Teil von kantonalen Verordnungen und Regelungen. Und noch wichtiger: Ohne die Absolventinnen und Absolventen stünden Pflegeheime in der ganzen Schweiz vor einem gravierenden Personalmangel.

Die Anerkennung eines Zertifikates auf dem Arbeitsmarkt muss also nicht zwingend mit staatlicher Anerkennung Hand in Hand gehen. Und doch ist die Positionierung gegenüber der formalen Bildung auch bei Weiterbildungsabschlüssen immer eine wichtige Frage. Entscheidend dafür ist, welches Ziel mit einem Branchenzertifikat intendiert ist.

Im Spannungsfeld zwischen formal und non-formal

So sind die Branchenzertifikate «Fertigungsspezialist/in» des Verbandes Schweizer Schreinermeister und Möbelfabrikanten (VSSM) und «Kursleiter/in» des Schweizerischen Verbandes für Weiterbildung (SVEB) klar als Schritte auf einer Bildungsleiter konzipiert. Sie sind somit eigenständige non-formale Weiterbildungsabschlüsse und zugleich Teilabschlüsse von eidg. Fachausweisen, also staatlich anerkannten formalen Abschlüssen. Es sind erfolgreiche Beispiele einer engen Verzahnung von non-formalem und formalem Bildungsbereich. Und sie zeigen – was bildungspolitisch kaum wahrgenommen wird –, dass es sich bei «formal» und «non-formal» um ein Kontinuum und nicht um zwei getrennte Welten handelt.

Der Abschluss «Elektro-Teamleiter» des Verbands Schweizerischer Elektroinstallationsfirmen (VSEI) wiederum ist explizit weder aufstiegsorientiert noch auf formale Abschlüsse ausgerichtet. Er soll als horizontale Weiterbildung die Attraktivität des Berufs steigern und wirkt auf diese Weise der Abwanderung vom Handwerk ins Büro entgegen. Eine weitere Besonderheit ist, dass ausländische Arbeitskräfte ohne schweizerischen Berufsabschluss über diese Weiterbildung Zugang erhalten zu qualifizierten Tätigkeiten, die Schweizern in der stark reglementierten Elektrobranche nur mit formalem Berufsabschluss offenstehen.

In der jungen Branche Bewegung und Gesundheitsförderung besteht heute noch kein Branchenzertifikat, sondern eine Vielzahl von non-formalen Abschlüssen auf verschiedenen Stufen und mit unterschiedlichen Bezeichnungen, welche weder für Absolventen noch Arbeitgeber übersichtlich sind. Entsprechend schwierig ist es auch, den Wert der Abschlüsse zu erkennen. Verschiedene Akteure der Branche haben nicht zuletzt wegen dieser Intransparenz und mangelnden Anerkennung einen Prozess angestossen, um bestehende Weiterbildungen zu einem neuen Branchenzertifikat zu bündeln.

Der gemeinsame Nenner

Die Ziele und Funktionen der untersuchten Branchenzertifikate sind sehr unterschiedlich und reichen vom niederschwelligen Berufseinstieg über die berufliche Spezialisierung bis zum Quereinstieg in einen Zweitberuf und den Einstieg in eine formale Ausbildung. Dennoch haben sie auch Gemeinsamkeiten: Es sind non-formale Abschlüsse, die von einer Branchenorganisation getragen und von verschiedenen Weiterbildungsinstitutionen angeboten werden. Sie wurden gezielt aus den Branchen heraus entwickelt, um zentrale Herausforderungen des Arbeitsmarktes in den einzelnen Branchen zu bewältigen. Und sie erreichen ihren Wert und ihre Anerkennung nicht über staatliche Stellen, sondern über ein komplexes Zusammenspiel von Bildungssystem, Arbeitsmarkt und Branchenorganisationen.

Dieses Konzept hat sich in fünf sehr unterschiedlichen Branchen sowie Zielen und Funktionen der Zertifikate als erfolgreich erwiesen. Dementsprechend hat die ABA-Studie die branchenübergreifenden Erfolgsfaktoren herausgearbeitet. Diese betreffen die Trägerschaft der Zertifikate, die Kommunikation in Bezug auf das Angebot, die Nachfrage in der Branche und nicht zuletzt die bereits erwähnte Positionierung gegenüber den formalen Abschlüssen.

Eigene Stärken

Neben den Erfolgsfaktoren, welche auch als Blueprint für Branchen und Akteure verstanden werden können, die ein Branchenzertifikat erarbeiten wollen, zeigen die Fallbeispiele auch die eigenen Stärken dieser spezifischen Form von Abschlüssen. Dazu gehören etwa die grosse Flexibilität, die Praxisnähe und die ausgeprägte Bedarfsorientierung. Zudem bieten diese Angebote dank ihrer teilweise sehr offenen Zugangsbedingungen die Möglichkeit, Zielgruppen anzusprechen, die über das formale Bildungssystem kaum erreicht werden. Dazu gehören beispielsweise Quer-, Um- und Wiedereinstei­gerinnen, Migranten ohne formalen Abschluss oder ältere Arbeitnehmende.

Auf dem Arbeitsmarkt haben Branchenzertifikate dadurch das Potenzial, einen Beitrag zur Verringerung des Fachkräftemangels zu leisten. Die Abschlüsse können zudem eine Brückenfunktion einnehmen, indem sie Erwachsene über praxisnahe Einstiege in Bildungsprozesse involvieren, die sie anschliessend zu weiteren Qualifikationsmassnahmen ermutigen. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Branchenzertifikate Anschlüsse an andere formale oder non-formale Bildungsgänge bieten können. Einige Varianten solcher Anschlüsse werden in der ABA-Studie aufgezeigt, wobei deutlich wird, dass die Anschlüsse nicht nur für die Perspektiven der Absolventen, sondern auch für die Anerkennung der Zertifikate auf Seiten der Betriebe relevant sind.

zur Medienmitteilung

Die Studie (PDF)

Bruno Weber-Gobet
Bruno Weber-Gobet, Leiter Bildungspolitik bei Travail.Suisse, betont das Potenzial der Branchenzertifikate anlässlich der Medienkonferenz vom 28. Mai 2019. (Bild: Ronald Schenkel/SVEB)