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«Der Schweizer Digitaltag gewinnt zunehmend an Bedeutung»

  • 22.09.2021

Am 10. November 2021 findet der fünfte Schweizer Digitaltag statt. Er bringt der Bevölkerung eine «Schweiz 4.0» näher. Im Vorfeld können alle Interessierten vom 29. September bis 9. November kostenlos ihre digitalen Skills in den «Learning Labs» erweitern. Das Angebot ist eine Kooperation von digitalswitzerland und dem SVEB. – Interview mit Diana Engetschwiler, Gesamtprojektleiterin des Schweizer Digitaltags.

Der Schweizer Digitaltag wird dieses Jahr zum fünften Mal durchgeführt. Was macht ihn für Sie und Ihr Team besonders?
Diana Engetschwiler: Bis jetzt hatten wir das Konzept, dass sich der Digitaltag auf einen Tag konzentriert. Letztes Jahr mussten wir wegen Covid eine Umstellung vornehmen. Alles wurde online. Und wir haben den Digitaltag auf drei Tage ausgedehnt. Das kam sehr gut an. Dazu haben wir das Feedback erhalten, dass ein oder drei Tage zu wenig sind, um das Potenzial des Events wirklich auszuschöpfen. Darum haben wir nun ein neues Konzept aufgebaut mit einer Vorphase von sechs Wochen.

Diana Engetschwiler ist Senior Director/Head of Public Dialogue & Digital Day.

Was geschieht in der sechswöchigen Vorphase zum Digitaltag?
Zum einen geht es darum, die Bevölkerung zu inspirieren, einen digitalen Skill zu erlernen. Hierzu bieten vor allem Partner und Vereine online und physisch Kurse an, alles kostenlos. Wir wollen zeigen, dass es nicht schwer ist, den ersten Schritt zu machen und wie spannend es ist, sich im Digitalbereich weiterzubilden. Als zweites begeben wir uns in den Dialog mit der Bevölkerung. Wir möchten von den Schweizerinnen und Schweizern erfahren, was die Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung sind.

Am 6. und 7. November gibt es zudem den Female Hackathon «herHack20.21». Dabei geht es um die Positionierung der Frauen in der ICT-Branche. Und dann gibt es den Digitaltag vom 10. November, an dem wir wieder unser TV-Programm bieten und zwanzig Standorte ihren jeweils eigenen Digitaltag durchführen.

Wie gross wird der Anteil der Online-Angebote dieses Jahr sein?
Covid hat dafür gesorgt, dass man viel mehr über die Digitalisierung weiss und vermehrt anwendet. Trotzdem haben viele Menschen das Bedürfnis, sich physisch zu treffen. Das Angebot ist im Moment 50:50, mit einer leichten Tendenz hin zu physischen Events. Vor allem für die ältere Generation ist es viel einfacher, irgendwo hinzugehen und etwas zu lernen, statt sich einzuloggen. Das Einloggen an sich ist für jemanden, der keine digitale Erfahrung hat, nicht einfach. Wir werden ungefähr 400 kostenlose Learning Labs für Kinder bis Seniorinnen und Senioren anbieten, sowohl vor Ort als auch online.

Wenn sie den diesjährigen Digitaltag mit dem ersten vergleichen: Inwieweit wird das Digitale dieses Jahr stärker realisiert?
Vor fünf Jahren haben wir mit einem Prototyp an drei Standorten begonnen. Wir hatten eine Reichweite von ungefähr 500'000 Personen. Das hat sich innerhalb der letzten vier, fünf Jahre so rasch weiterentwickelt, dass wir dieses Jahr zwanzig Standorte in der ganzen Schweiz haben. Es gibt ganze Kantone, die aktiv sind. Unsere Reichweite beträgt nun zwei Millionen Menschen. Es hat sich also sehr viel getan. Und wir führen immer wieder Studien durch, die zeigen, dass sich die Angst gegenüber dem digitalen Wandel während diesen fünf Jahren reduziert hat.

Die Menschen haben ein immer besseres Verständnis für das Digitale, aber es gibt ein noch viel grösseres, unausgeschöpftes Potenzial. Wir möchten auch in die Schulen gehen, stärker mit den KMU zusammenarbeiten und dort das Bewusstsein für die Wichtigkeit der Digitalisierung fördern. Wir sind darum als Team sehr gewachsen und haben auch immer Bundesräte mit im Boot. So hat zum Beispiel Guy Parmelin die Patronage übernommen bei der Lancierung der Learning Labs im Jahr 2020. Der Schweizer Digitaltag gewinnt zunehmend an Bedeutung.

Könnten Sie sich vorstellen, dass die Learning Labs oder andere Veranstaltungen zu permanenten Angeboten werden?
Vorstellen kann ich mir das schon. Im Moment konzipieren wir aber die sechs Wochen vor dem Digitaltag bewusst so, weil wir glauben, dass dies der Bevölkerung einen besonderen Impuls gibt. In dieser Vorphase kann jeder und jede sich ausprobieren. Anhand dessen entscheiden die Menschen idealerweise, ob sie einen spezifischen Kurs während des kommenden Jahres besuchen wollen.
Die sechs Wochen vor dem Digitaltag sind optimal, um die Intensität zu steigern. Das ist so wie beim Filmfestival, wo man während sechs Wochen ins Kino gehen kann. Aber wir denken bereits darüber nach, was wir in den restlichen Monaten des Jahres anbieten könnten.

Gibt es dieses Jahr bereits Angebote, die auch weiterhin noch online zugänglich sind?
Ja, alle durchgeführten Kurse laden wir auf die Website, damit sie erneut aufgerufen werden können. Wir fragen die Bevölkerung auch, was ihre weiteren Herausforderungen oder Wünsche sind. Die zentrale Frage des Digitaltags ist «Was wünschst Du Dir von der digitalen Zukunft?». Nach den Antworten richten wir uns dann aus.

Was braucht die Schweiz, ihre Wirtschaft und Gesellschaft, in Sachen Digitalisierung?
Wir sind in Bezug auf unsere Schulen, Hochschulen und Universitäten gut aufgestellt. Aber die Affinität der Schweizerinnen und Schweizer zum Digitalen ist durchaus ausbaufähig. Bis 2028 werden wir in der Schweiz 35'800 ICT-Fachkräfte zu wenig haben. Das ist erschreckend. Für die Schweiz bedeutet das, dass wir Talente aus dem Ausland anwerben müssen. Aber wir haben ein riesiges Potenzial in der Schweiz, in unseren Schulen. Das möchten wir jetzt sehr gerne fördern.

Wie wollen Sie vorgehen, um das digitale Potenzial weiter zu fördern?
Wir möchten ein Projekt für Schulen und Jugendliche und lebenslanges Lernen in einer Partnerschaft vorwärtsbringen. Es muss in den Köpfen der Menschen verankert werden, dass nun eine neue Ära beginnt und dass Digitalisierung, Innovation und lösungsorientiertes Denken Teil der Schule und jeder Ausbildung sein müssen – sei es Digitalisierung oder Handarbeitsunterricht. Das muss einfach überall integriert sein. Ein weiterer Aspekt ist, dass nur 16% unseres ICT-Personals Frauen sind, was extrem wenig ist.

Die Vorphase mit den Learning Labs steht unter dem Motto «Lerne und rede mit». Was steht dahinter?
Am Anfang haben wir uns darauf konzentriert, die Bevölkerung dafür zu sensibilisieren, dass Digitalisierung wichtig ist für die Innovation und dass die Menschen anfangen, das Thema am Esstisch zu diskutieren. In den letzten beiden Jahren war das Ziel, dass die Menschen aktiv werden, sich an Diskussionen beteiligen und sich mit anderen austauschen, die eine andere Meinung haben.

Wir möchten, dass die Bevölkerung aktiv wird, also nicht nur passiv Tiktok und Instagram konsumiert, sondern sich mit dem Thema Digitalisierung auseinandersetzt. Start-ups sind da ein gutes Beispiel: Wenn ein Start-up erfolgreich ist, dann ist das lukrativ, das ganze Start-up-Ökosystem ist sehr spannend und attraktiv. Wir möchten alle dazu motivieren, über diesen Bereich nachzudenken.

Welche Rolle spielt das Angebot der Learning Labs in diesem Zusammenhang?
Uns geht es darum, eine Initialzündung auszulösen. Dass jemand denkt, das Angebot ist kostenlos, die Firma oder der Verein sind sowieso spannend, also schaue ich da mal rein. Damit ist die Hürde sehr tief, um etwas zu beginnen. Dann merkt man, dass es ein spannendes Thema ist, das man unbedingt weiterverfolgen will.

Dann ist natürlich unsere Hoffnung, dass die Person sich danach weiter informiert und eine weiterführende Ausbildung macht. Darum arbeiten wir auch gerne mit verschiedenen Partnern zusammen, die diese Entwicklung unterstützen. Wir möchten, dass sich die Menschen weiterbilden. Ein grosses Dankeschön geht an Pascal Schöni aus meinem Team. Er hat dieses Format geschaffen und den Digitaltag und damit das Angebot für die Bevölkerung bereichert.

Wie digital ist ihr Leben? Hatte Covid-19 einen Einfluss?
Covid hat für mich nicht viel verändert. Unser Team war ohnehin schon sehr digital aufgestellt. Zum Arbeiten brauchen wir nur einen Laptop. Wir sind etwas verteilt, kommen aber regelmässig zusammen. Mein Arbeitsumfeld ist sehr digital. Ich merke aber auch bei meinem eigenen Team, dass es sehr wichtig ist, sich physisch auszutauschen. Sonst sitzt man immer in Meetings und hat keine informellen Austauschmöglichkeiten mehr, die eigentlich sehr wichtig wären. Daher pflegen wir einen Mix.

Und bei Ihnen persönlich?
Bei mir gibt es auch Situationen, in denen ich sehr bewusst ins Physische wechsle. Ich habe es wieder für mich entdeckt, ein Buch in die Hand zu nehmen. Das ist schon ein anderes Gefühl als bei einem E-Reader. Ich finde eine Balance gut. Unsere Zukunft wird hybrid.

Was wünschen Sie sich von der digitalen Zukunft?
Ich wünsche mir, dass sehr viele Menschen in der Schweiz, aber auch weltweit, einen einfachen Zugang zu Bildung haben, zum Beispiel über Online-Kurse, die nicht viel kosten, aber von hoher Qualität sind. Wenn jeder Zugang hat, dann ist es also nicht mehr eine Frage des Geldes, sondern des Individuums selbst.

Interview: Bettina Whitmore

Learning Labs – Weiterbildung für alle vor dem Schweizer Digitaltag

Vom 29. September bis 9. November 2021 besteht die Möglichkeit, in der ganzen Schweiz an kostenlosen Online- und Offline-Kursen teilzunehmen und verschiedene digitale Kompetenzen zu erwerben. Die Learning Labs werden vom SVEB und digitalswitzerland gemeinsam lanciert.

Programm Learning Labs