Hauptinhalt

"In der Beratung lässt sich ein regelrechtes Lösungsfieber konstatieren"

  • 30.11.2018

An der Forschungstagung „Beratung in der Erwachsenen- und Weiterbildung“ vom 31. Januar 2019 stellt Geri Thomann, Leiter der Abteilung Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich, Konzepte und Spannungsfelder der Beratung in der Erwachsenenbildung vor. Im Interview spricht er über den Beratungsboom und die damit verbundenen Risiken.

Interview Irena Sgier

Beratung erlebt zurzeit einen starken Boom. Die Ratgeberliteratur nimmt zu, die Begriffe Beratung und Coaching sind allgegenwärtig. Woher kommt dieser Boom?
Geri Thomann: Meine Hypothese lautet, dass es um Unsicherheitsabsorption geht. Der rasante gesellschaftliche Wandel, den wir zurzeit erleben, ist geprägt von der Digitalisierung und von Phänomenen wie der Flexibilisierung der Arbeitszeiten oder der Entkoppelung von Betriebs- und Arbeitsorten. Das produziert enorm viel Unsicherheit. Man könnte auch vom Verlust des Kontingenzschutzes sprechen.

Erleben Sie das auch in Ihrer eigenen  Beratungspraxis?
Ja. Ich berate seit 35 Jahren und stelle fest, dass die Leute vermehrt Entscheidungshilfen suchen. Sie wollen Optionen klären und wissen, welche Möglichkeiten ihnen offenstehen. Dabei müssen sie mit Ambivalenzen, Spannungen und Paradoxien umgehen können. So stellt sich in Beratungen immer wieder die Frage: Muss der Klient Spannung und Ambivalenzen aushalten oder sich zwischen dilemmatischen Optionen entscheiden? Darin zeigt sich gewissermassen ein postmodernes Risikoverhalten.

Welche Hilfe kann man von Berater erwarten?
Es gibt verschiedene Beratungskonzepte. Die Ratschlagskonzepte und die  Ratgeberliteratur versuchen, Unsicherheit zu absorbieren oder Sicherheit zu produzieren. Andere Konzepte siedeln sich irgendwo zwischen Fachberatung und Instruktion an, bieten also spezifische Unterstützung im Sinne von „Know-how“ an. Bei Prozessberatung - das ist  mein Hintergrund - geht es nicht um den schnellen Ratschlag, sondern um die Erhöhung von Problemlösefähigkeit, um Lernen. Das erste hat klar Konjunktur. Bezüglich Beratungskonzepten lässt sich ein regelrechtes „Lösungsfieber“ konstatieren.

Die Antworten sind zurzeit also beliebter als die Fragen?
Ja, die Tendenz geht in diese Richtung. Sobald die Zeit knapp wird, was zunehmend der Fall ist, steigt der Druck auf die Berater, schnelle Lösungen zu liefern. In der Prozessberatung versucht man das zu vermeiden. Dort geht es darum, die Fragen zu schärfen, Probleme zu definieren und Muster zu erkennen, bevor man eine Problemlösung ins Auge fasst. Man wirft dem Klienten nicht von Anfang an Lösungen an den Kopf.

Prozessberaterisches Handeln heisst somit, gemeinsam die Verantwortung für die Gestaltung des Prozesses zu tragen, die Definierung oder Lösung eines Anliegens ist Sache des Klienten. Beratende befinden sich dabei eher oder länger in einem fragenden als in einem antwortenden Modus. Sie unterstützen die Reflexion der Teilnehmenden und regen sie zum Weiterdenken an.

Sie haben Beratung im Bildungskontext einmal als ein Feld voller Ambivalenzen und Paradoxien bezeichnet. Was sind das für Widersprüche?
Widersprüche sind in der Beratung tatsächlich sehr wichtig. Es ist im übrigen auch eine typische Anforderung an Beratungspersonen, mit Ambivalenzen umzugehen und sich in Spannungsfeldern bewegen zu können.

Bezogen auf die Beratung im Bildungskontext sehe ich einige Spannungsfelder. Eines davon ist das Verhältnis zwischen Beurteilung und Beratung. Beratung schafft Nähe, Beurteilung schafft Distanz. Diese Ambivalenz ist auch in der Weiterbildung sehr stark ausgeprägt, zum Beispiel wenn man Portfoliobegleitung in einer Bildungsorganisation durchführt, die Zertifikate abgibt, oder wenn man eine Projektarbeit begleitet, um sie danach zu beurteilen. In solchen Fällen dient die Beratung mehr der Systemadaption oder der gesellschaftlichen Allokation als der individuellen Unterstützung in einem Problemlösungsprozess.

Ein anderes Spannungsfeld stellt sich so dar, dass eine zeitgemässe Didaktik und das Prinzip einer erwachsenenpädagogischen Teilnehmenden-Orientierung Selbstverantwortung und Eigenaktivität von Teilnehmenden voraussetzt. Gerade in berufsbegleitenden Weiterbildungen sehen sich Lehrende häufig durch zahlende Kundinnen oder Kunden, aber auch durch deren Arbeitgeber mit der Forderung konfrontiert, ihre Veranstaltung auf einen unmittelbaren Praxisnutzen auszurichten. Beratung wird dann leider häufig zu schneller Empfehlung.

Passen Beratung und Pädagogik also eigentlich gar nicht zusammen?
Das würde ich nicht sagen, aber wenn Beratung als integraler Teil der Pädagogik gilt, steht man vor der Frage: Fängt man damit strukturelle Probleme auf oder federt man nur ein störendes Problem ab? Installiert man Wölfe im Schafspelz? Viele, die im pädagogischen Kontext beratend arbeiten, sind der Ansicht, Beratung werde zur Systemadaption instrumentalisiert. Wo dies der Fall ist, handelt es sich nicht um Beratung im genuinen Sinn.

Beratung kann systemadaptiv gedacht sein, ruft  andrerseits auch wieder aufklärerische Tendenzen bei kritischen Systemvertretern ab und möchte (oder kann) in der Tat gleichzeitig bei den Klienten Identität stärken und Orientierung bieten. Dringende Probleme oder akute Defizite scheinen gelegentlich eine Art von „Beratungsbedürftigkeit“ zu schaffen, wobei das System häufig die „Fälle“ selber produziert, die es zur Beratung schickt. Mit dieser Delegationspraxis kann sich das System dann gleich selber entlasten.

Als Gegensatz zur systemadaptiven Beratung haben Sie vorhin die genuine Beratung erwähnt. Was ist darunter zu verstehen?
Genuine Beratung im Sinne der Prozessberatung setzt Freiwilligkeit, Neutralität und zeitliche Begrenztheit voraus. Das sind die Hauptprinzipien. Diese sind aber fast nie gegeben, wenn man in einem qualifizierenden System beratend arbeitet, zum Beispiel in der Personalentwicklung, im Mentoring, in der Führung oder eben in einem qualifizierenden pädagogischen Setting. Mir scheint, es wird sehr Vieles Beratung genannt, was eigentlich keine ist. Selbstverständlich braucht man als Dozent, Personalentwicklerin oder Führungskraft Beratungskompetenzen, das macht einen aber noch nicht zum Berater.

Welche Entwicklungen erwarten Sie bei der Beratung in den nächsten Jahren?
Ich erwarte – und hoffe –, das sich die Beraterinnen und Berater möglichst wenig instrumentalisieren lassen. Ich erwarte, dass sie über Konzepte verfügen, die ihre Klienten bei der Orientierung unterstützen, statt sie dazu zu bringen, sich einem System anzupassen. Wenn ich mir die Professionalisierung der Beratungsausbildungen sowie gute Instrumente wie das Contracting ansehe, scheint mir diese Hoffnung berechtigt. Die erwähnten Spannungsfelder von Beratung werden in den Ausbildungen zunehmend thematisiert, unter anderem im Hinblick auf intern beratende Tätigkeiten im HR oder in der Personalentwicklung. Da geht es beispielsweise darum, was passiert, wenn ein Berater plötzlich indirekt einen verdeckten Qualifikationsauftrag erhält. In solchen Situationen ist sehr wichtig, dass Beraterinnen und Berater lernen, Rollenerwartungen zu klären.

Die Forschungstagung vom 31. Januar richtet sich an Fachleute aus Praxis und Wissenschaft. Welche Rolle spielt wissenschaftliches Wissen in der Beratung?
Wissenschaftliches Wissen ist für die Beratung enorm wichtig. Die Beratungswissenschaft ist aber noch sehr jung. Beratung hat so viele disziplinäre Hintergründe – von der Pädagogik über die Psychologie bis zur ökonomisch orientierten Unternehmensberatung –, dass die Ansätze schwierig zu vergleichen sind. In der Schweiz verfügen wir noch kaum über empirisch überprüftes Wissen dazu. Entsprechend gross ist der Forschungsbedarf, und zwar in allen Feldern und von der Mikroebene bis zur Systemebene.

Wissenschaftliches Wissen benötigen wir auch in der Praxis, um Konzepte zu vergleichen, unser Beratungshandeln zu analysieren oder die Wirksamkeit von Beratung zu überprüfen. An der Tagung werden einige Ansätze und empirische Untersuchungen dazu vorgestellt. Darauf bin Ich sehr gespannt.

Zur Person:
Geri Thomann ist Gründer und seit 2009 Leiter  der Abteilung Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung der Pädagogischen Hochschule Zürich. Seit 2007 ist er Lehrbeauftragter für Beratung an der Hochschule für Angewandte Psychologie der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er hat überdies einen MAS in Coaching, Supervision und Organisationberatung im Bildungsbereich aufgebaut. Seit über 30 Jahren bewegt er sich zwischen Beratung und Weiterbildung.
Publikationen

Geri Thomann
"Sobald die Zeit knapp wird, steigt der Druck auf die Berater, schnelle Lösungen zu liefern", meint Geri Thomann, Professor an der PH Zürich. (Bild: zvg)

Beratung in der Erwachsenen- und Weiterbildung

Die Tagung «Beratung in der Erwachsenen- und Weiterbildung – Forschungsperspektiven» widmet sich der Bedeutung, den Herausforderungen und Spannungsfeldern von Beratung im Kontext des Lebenslangen Lernens. In den thematischen Inputs wird u.a. der Frage nachgegangen, welchen Erwartungen professionelles Beratungshandeln unterliegt und welche Erkenntnisse aus aktuellen Forschungsprojekten zur Gestaltung von Beratung gewonnen werden können. In den Workshops werden durch den Dialog zwischen Fachleuten aus Praxis und Wissenschaft ausgewählte Aspekte der Beratung in der Weiterbildung vertieft und aktuelle Entwicklungen diskutiert.

Die Tagung ist eine Kooperation zwischen dem SVEB und der PH Zürich.

zur Anmeldung